Dass aufgrund der gestiegenen Energiekosten und des immensen Wettbewerbsdrucks aus Asien viele Energieintensive Industrien in Deutschland die Standorte schließen, ist mittlerweile ein alter Hut. Aber was genau tut die EU dagegen? Und warum macht sie alles noch schlimmer?
Wie man Milliarden verdienen könnte…
Robert F. Kennedy Jr., der amerikanische Gesundheitsminister, hat am 5.8.2025 das Ende der amerikanischen Förderung neuer mRNA-Impfstoffe verkündet. Eine halbe Milliarde Dollar wurden für 22 Projekte in Aussicht gestellt, die nun entweder komplett gestrichen werden, oder ihren mRNA-Fokus einbüßen, also restrukturiert werden, um den Fokus auf andere Impfstoffplattformen zu legen.
Eigentlich wäre das ein Grund zu feiern. Unternehmen wie Pfizer, Sanofi, AstraZeneca, Moderna oder Seqirus, sind allesamt an den Projekten beteiligt gewesen und haben mit Sicherheit nichts dagegen, die Fördermittel aus einem anderen Land zu bekommen – mit entsprechender Verlagerung von Kapazitäten und Knowhow. Und in welchem Land haben diese Unternehmen zufällig alle einen Standort? Genau. Deutschland.
In einem wirtschaftlich zivilisierten Land würden jetzt die Sektkorken knallen, könnte man doch mit läppischen 500 Millionen Dollar ohne großen Aufwand eine Zukunftstechnologie (in welcher Form auch immer) verankern. In Deutschland ist man allerdings schon längst darüber hinaus. Wir planen in großem Stil unsere Deindustrialisierung.
…und was stattdessen geschieht
Im Mai 2025 hat Bayer angekündigt, das Werk im Industriepark Höchst zu schließen. Im Juni 2025 macht die Nachricht die Runde, Ineos Phenol plane den Standort in Gladbeck zu schließen. Ebenfalls im Mai 2025 wurde bekannt, dass Xellia Pharmaceuticals seine Antibiotikawirkstoffe in Zukunft nicht mehr in Kopenhagen, sondern China produzieren wird. Diese Nachrichten reihen sich in eine lange Serie von Standortschließungen in Deutschland und der EU ein, die seit 2023 an Fahrt aufnehmen.
Auf Platz 1 der Gründe für diese Entscheidungen werden die horrenden Energiekosten gesetzt, die sich in diesem Land breitgemacht haben. Die Regierung will mit dem Industriestrompreis gegensteuern, weil wir mit Deutscher Gründlichkeit auch den Holzweg der Energiewende zu Ende gehen. Aber wir dürfen natürlich auch nicht das europäische Bürokratiemonster ignorieren, das z.B. den Bau von Sanofis neuer Insulinproduktionsstätte in Frankfurt Höchst verzögert. Der Bau der neuen Anlage läuft mittels massiver Fördermittel aus Bund und Land (ohne diese kriegt man schließlich kaum noch ein Unternehmen dazu, hier zu investieren), was nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist. Voraussetzungen, welch die EU-Kommission seit 2024 ausgiebig prüft.
Bürokratie zum Zwecke der Bürokratie
Deutschland war mal die Apotheke der Welt. Durch unsere natürlich gewachsene Kenntnis in der organischen Synthese konnten sich Unternehmen etablieren, die in der chemie- und Pharmabranche bis heute nicht wegzudenken sind. Bayer, Sanofi (bzw. die Hoechst AG), Merck, die BASF, alles internationale Riesen, die ihre bescheidenen Anfänge in Deutschland hatten. Häufig waren es Apotheker, die den Grundstein legten, aus dem ein Imperium erwachsen sollte.
Aber im Laufe der Jahre wurde der Erfolg der Unternehmen und der daraus erwachsene Wohlstand für das Land unsichtbar. Wie ein Fisch, der nicht versteht, was Wasser ist. Das führte, gemeinsam mit dem unzweifelhaften Fehlverhalten einiger der Unternehmen, zu einem Ressentiment gegen die „Pharmamafia“ oder die „Chemieindustrie“.
Paart man dies mit einer EU, deren einziges Ziel zu sein scheint, mehr Bürokratie zum Zwecke der Bürokratie zu erfinden, ergibt sich ein leichtes Ziel für besagte Bürokraten. Und die neue Ausgeburt der europäischen Bürokratie ist die Abwasserdirektive der EU.
Denn unsere Kläranlagen kommen mit der Menge an Antibiotikarückständen, Mikroplastik und anderen Verunreinigungen nicht mehr zurecht. Gemäß des Verursacherprinzips sollen also die Verursacher, sprich die Pharma- und Kosmetikunternehmen für die Reinigung zur Kasse gebeten werden. Die Zahlen für die exakten jährlichen Kosten variieren recht stark. Die EU behauptet, es fallen etwa 4 Milliarden Euro pro Jahr an, die Hersteller rechnen mit etwa einer Milliarde pro Jahr und pro Land. So oder so: Es wird teuer. Denn die neue Richtlinie ist natürlich als Dauerzustand gedacht. Auch wenn regelmäßige Evaluationen stattfinden sollen, wäre es ein Novum, wenn die Mehrbelastung der Unternehmen nach Ausbau der Kläranlagen beendet würde.
Die Anwendung dieses Verursacherprinzips soll die Kosten gleichmäßig auf alle Schultern verteilen und in der Industrie Anreize setzen, auf Wirk- und Hilfsstoffe zu setzen, die in der Natur besser abbaubar sind.
Dummerweise ergeben sich hier 3 Probleme, die wir im Folgenden diskutieren werden:
- Wer ist der wahre Verursacher?
- Welche Industrien werden nicht zur Kasse gebeten?
- Wie soll man biologisch abbaubare Medikamente entwickeln?
Wer ist der wahre Verursacher?
Klar, die Unternehmen, ist doch logisch, oder? Immerhin zielt die EU so auf das Erstverursacherprinzip ab. Schuld hat, wer ein Mittel in Verkehr bringt. Aber die Unternehmen dienen hier als Verkäufer. Die eigentliche Ursache nur auf das Unternehmen zu beschränken und nicht auf den Kunden, bzw. den Patienten zu erweitern, greift zu kurz. Du möchtest Makeup benutzen? Leg los, meinen Segen hast du, aber sobald das Zeug in die Kanalisation kommt, macht dich das zum Verursacher. Du nimmst Schmerzmittel? Erneut, meinen Segen hast du, niemand muss unter Schmerzen leiden, aber das macht dich zum Verursacher. Du nimmst Antibiotika, obwohl du eine virale Erkrankung hast? Okay, hier gibt’s keinen Segen von mir, das ist dämlich und macht dich zum Verursacher. Die Frage nach dem wahren Verursacher ist also komplizierter, aber auch viel, viel einfacher, als sie scheinen mag. Das führt uns zum nächsten Punkt:
Welche anderen Industrien haben ihren Anteil?
Der Gedanke, dass die Pharma- und Kosmetikindustrie allein den Löwenanteil der Last tragen, ist zu vereinfacht. Wie sieht es z.B. mit der Reinigungsmittelindustrie aus? Klar, viele Marken rühmen sich mit sanften und biologisch abbaubaren Stoffen, aber in der Masse, in der jeder Haushalt und jede Industrie diese Mittel verwendet, wäre es verwunderlich, wenn sie keine Mehrbelastung für die Kläranlagen darstellen. Auch wenn sich die Richtlinie bisher nur auf zwei Industriezweige fixiert, sind wir uns wohl alle im Klaren, dass eine Erweiterung auf mehr Industrien bald folgen wird.
Was sind biologisch abbaubare Medikamente?
Kommen wir zur Kernfrage, weshalb diese den größten Raum bekommt. Kosmetikhersteller stehen vor ähnlichen Problemen, aber sind davon nicht in gleichem Maße betroffen wie Pharmafirmen. Wir konzentrieren uns hier also auf die Medikamentenherstellung.
Damit ein Medikament seine Wirkung entfalten kann, muss es überhaupt erstmal an den Ort des Geschehens gelangen. Dafür durchqueren Medikamente in der Regel Magen und Darm, gelangen ins Blut, kommen zur Leber, werden von da weiter im Körper verteilt, wodurch sie an ihr Ziel gelangen. Dabei durchqueren Medikamente verschiedene pH-Werte, vom sauren Magen, zum (mehr oder weniger) pH-Neutralen Blut, befinden sich in unterschiedlichen Temperaturzonen (Raumtemperatur oder Kühlschrank vor der Einnahme, Körpertemperatur danach), vorbei an Mikroorganismen und löslichen Ionen im Blut, angegriffen von Enzymen, die das Medikament abbauen, sodass nur ein Teil der eingenommenen Dosis überhaupt am Einsatzort angelangt.
Genau deshalb müssen Medikamente gegen all diese Faktoren resistent sein. Sie müssen pH-Unterschiede verkraften und so stabil sein, dass sie im Körper nicht zerfallen und nicht zu schnell abgebaut werden können. Ansonsten erreichen wir nicht die therapeutische Dosis am Zielort und das Medikament bleibt wirkungslos. Leider sind es genau diese stabilisierenden Eigenschaften, die Medikamente in herkömmlichen Kläranlagen so schwer abbaubar machen.
Ein Medikament, das im Körper schneller abgebaut wird, wirkt kürzer. Das führt zu einer steigenden Dosierung (und damit auch zu Mehrkosten beim Erwerb), sowie zu einer Mehrbelastung für den Körper, der mit einer höheren Initialdosis konfrontiert wird.
Dabei werden besser abbaubare Medikamente die bisherigen Produkte auch nicht vom Markt verdrängen. Niemand wird gut charakterisierten Arzneimitteln die Zulassung entziehen, ganz besonders nicht, wenn wir ohnehin schon unter einer Arzneimittelknappheit leiden. Das wäre unverantwortlich. Auch lassen sich manche Produkte nicht ohne weiteres ersetzen. Nehmen wir Diclofenac.
Diclofenac ist aus Schmerzsalben wie Voltaren bekannt. Der Wirkstoff ist sehr gut erforscht, das Wirkungsprofil ist klar. Patienten und Ärzte wissen, was sie von dem Medikament zu erwarten haben. Diclofenac hat neben der schmerzlindernden auch eine Entzündungshemmende Wirkung und diclofenachaltige Salben können die Haut besser durchdringen als andere Präparate. Diese Kombination findet man nicht so häufig. Diclofenac lässt sich rezeptfrei in der Apotheke erwerben, aber es ist auf jeden Fall schädlich für die Umwelt. Diclofenac zu ersetzen, erscheint hier also nur schwer möglich. Aber nicht nur die Wirkung machen die Suche nach einem Ersatz schwierig.
Denn wenn ein Medikament auf einem Markt, auf dem bereits viele etablierte Medikamente existieren, eine Zulassung erhalten möchte, muss das Medikament einen Vorteil für Patienten bieten. Oder zumindest gleichwertig in der Wirkung sein. Die Gleichungen sind ganz einfach:
Keine Gleichwertige Wirkung = Keine Zulassung.
Keine bessere Wirkung = Keine Abnehmer für das Produkt
Selbst wenn es also möglich ist, die chemische Struktur von Stoffen wie Diclofenac zu verändern, um es besser biologisch abbaubar zu machen, so muss dann zwingend nachgewiesen werden, dass die Wirkung für Patienten gleichwertig oder besser ist. Daraus folgt nochmal die komplette Zulassung des Medikaments, inklusive aller Zulassungsstudien.
Ein undurchdachtes Ziel
Die EU möchte hier offensichtlich eine Lenkwirkung erzielen, die Pharmaunternehmen ermutigen soll, neue, umweltfreundlichere Medikamente herzustellen. Nur durchdacht hat dies scheinbar niemand.
Denn, wie bereits erwähnt, wird ein bereits zugelassenes Medikament deshalb nicht verboten. „Grüne“ Medikamente kämpfen also nach der Zulassung gegen eine etablierte Konkurrenz. Zudem werden sie teurer sein, weil die Entwicklungskosten eingeholt werden müssen.
Die Lenkwirkung kann sich also nur auf zukünftige Medikamente entfalten. Das löst das Problem der derzeitigen Überlastung der Kläranlagen aber nicht. Denn solange ein Wirkstoff auf dem Markt ist, gelangt er ins Abwasser.
Wir sprachen bisher beispielhaft über Diclofenac, aber ich möchte nur kurz darauf hinweisen, dass wir beispielsweise ein massives Problem mit zu wenig wirksamen Antibiotika haben. Während man also zumindest theoretisch bei Schmerzmitteln ein Argument finden könnte, um „grüne“ Medikamente zu priorisieren und andere langsam vom Markt zu nehmen, kann dies bei Antibiotika nicht funktionieren.
Welche Lenkwirkung soll sich hier entfalten? Werden die alten Medikamente nicht verboten, bleiben die überlasteten Kläranlagen. Werden sie verboten, kommt ein ganzer Schwung neuer Medikamente auf den Markt, deren Sicherheitsprofil überwacht werden muss. Und wir werden mit Sicherheit nicht in der Lage sein, jedes Medikament durch eine äquivalente, umweltfreundlichere Variante zu ersetzen. Zudem möchte ich den Patienten sehen, der bereit wäre, auf das besser wirksame Medikament zu verzichten, nur weil die Alternative umweltfreundlicher aufgebaut ist.
Mehr Pharmaindustrie in der EU? Mit Sicherheit nicht
Ein Großteil der Unternehmen kann für zukünftige Medikamente die Preise erhöhen, um die Abgaben für die neue EU-Richtlinie auszugleichen, was die Kosten für uns alle nach oben treibt. Denn wir finanzieren die Medizin über unsere Krankenkassenbeiträge. Einige Unternehmen werden aber einfach die Produktion einstellen. Insbesondere Generikahersteller. Müssen diese nun die Abwasserkosten finanzieren, steigen die Preise für Produkte wie das angesprochene Diclofenac, oder auch Aspirin, oder Amoxicillin. Da aber für Generika der Patentschutz ausgelaufen ist, kann jedes Unternehmen weltweit diese Produkte herstellen.
Derzeit ist die Konkurrenz aus Indien und China für Generikahersteller schon erdrückend, nicht zuletzt wegen der geringeren Produktionskosten. Auch wenn sich die Abwasserrichtlinie auf alle Unternehmen bezieht, die in die EU verkaufen, können ausländische Produzenten diesen Preisanstieg trotzdem besser abfangen und so noch immer die günstigsten Preise anbieten. In Deutschland kommt dies einer Monopolstellung gleich, da hier Arzneimittel über Rabattverträge mit Krankenkassen abgegeben werden. Der billigste Hersteller bekommt den Zuschlag bei den Kassen und muss in der Apotheke bevorzugt abgegeben werden.
Wir Verbraucher dürfen uns also darauf einstellen, dass noch mehr Medikamente aus dem EU-Ausland kommen, was das Risiko für Lieferausfälle und Engpässe weiter erhöht, und wir werden einen massiven Preisanstieg stehen, den jeder von uns – mal wieder – bezahlen darf. Entweder direkt beim Einkauf in der Apotheke oder über unsere Krankenkassenbeiträge.
Die EU reagiert – mit mehr Bürokratie
Kommen wir zur Ironie an der Geschichte. Denn während das eine Bürokratiemonster die Unternehmen zur Kasse bittet, wird das andere Bürokratiemonster geboren, um die Pharmaunternehmen stärker an die EU zu binden. Der „Critical Medicines Act“ soll Herstellung, Lagerung und Verfügbarkeit von besonders kritischen Arzneimitteln in der EU dauerhaft sichern. Dafür wird eine Liste erstellt, die kritische Arzneimittel ausweist. Die Produktion der Wirk- und Hilfsstoffe dieser Arzneimittel soll in Europa besonders gefördert werden. Gleichzeitig will man Forschung und Entwicklung innovativer Plattformen wie mRNA oder grüne Wirkstoffe fördern. Und dafür will die EU für ein Zeitfenster von 2 Jahren insgesamt 88,5 Millionen Euro zur Verfügung stellen.
Ich könnte viele Worte dazu verlieren. Zum Beispiel, dass 80 Millionen gerade so ausreichen dürften, um den Aufbau einer Pilotanlage und 2-3 Forschungsprojekte zu finanzieren. Oder ich zitiere zum Abschluss den Artikel zu Xellia Pharmaceuticals, der stellvertretend für die Entwicklung der Pharmaindustrie in Deutschland und der EU stehen wird:
„Aufgrund von Lieferengpässen und politischen Spannungen sollen Arzneimittel wieder verstärkt in Europa produziert werden. Doch jetzt verlagert das einzige europäische Unternehmen, das eine ganze Reihe wichtiger Antibiotikawirkstoffe herstellt, einen Teil seiner Produktion nach China.“
Auch wenn weder die Abwasserrichtlinie, noch der Critical Medicines Act in trockenen Tüchern sind, können wir guten Gewissens davon ausgehen, dass der Schaden den Nutzen um einige Größenordnungen überwiegen wird.
Wie es besser gehen könnte
Dabei hat die Schweiz schon vor Jahren gezeigt, wie es auch gehen kann. Dort Zahlen die Bewohner des Landes seit 2016 jährlich einige Franken (Unternehmen und öffentliche Einrichtungen entsprechend mehr), mit denen ein Fond aufgesetzt wurde, der die Aufrüstung der Kläranlagen bezahlt. Eine Verteilung der Last auf alle Schultern, denn jeder Einwohner eines Landes, der nicht ins Gebüsch kackt, trägt zur Belastung der Kläranlagen bei. Nur für die EU war dieser Weg offensichtlich zu einfach. Bürokraten erschaffen Bürokratie.
