Glyphosat: Die Fakten zur Debatte

Glyphosat ist heutzutage vermutlich bekannter als ABBA oder die Bibel. Es ist schon längst kein Pflanzenschutzmittel mehr, Glyphosat wurde zum Stellvertreter im Kampf Großkonzern gegen Kleinbauern, Natur gegen Chemie, David gegen Goliath, Gott gegen Satan, Hitler gegen die Alliierten.

Sieht so die Zukunft aus? Glyphosat vs. Öko?
Sieht so die Zukunft aus? Glyphosat vs. Öko?

Oder, um es weniger pragmatisch zu formulieren: Auf dem Rücken der Glyphosatzulassung werden diverse Debatten ausgetragen. Es geht um Verbraucherschutz, Lebensmittelsicherheit, Krebs, Patentrecht, Monopolstellungen und um jede Menge Ideologie auf allen Seiten. Und genau diese Vermengung unterschiedlicher Themen macht es so schwer, ein abschließendes Urteil über die Gefährlichkeit von Glyphosat zu fällen – egal welches Thema man untersucht, irgendwo macht jemand ein neues Schlachtfeld auf und verlagert die Diskussion. Aus diesem Grund will ich mich – ein halbes Jahr nach meinem ersten Text – nochmal ausführlich und exklusiv mit Glyphosat und dem aktuellen Stand der Debatte auseinandersetzen.

Bevor wir uns aber in diese Debatte stürzen, müssen wir uns alle auf den gleichen Stand bringen. Glyphosat ist ein Salz das in vielen Herbiziden Anwendung findet. Das bekannteste Präparat ist sicherlich Roundup, das neben seinem Hauptbestandteil Glyphosat unter anderem noch Tenside enthält, die die Aufnahme in die Pflanze verbessern sollen. Roundup ist vor allem aufgrund seiner Wirkungsweise so beliebt. Es wird nämlich nicht über das Wurzelwerk im Boden in die Pflanze aufgenommen, sondern ausschließlich über die grünen Teile der Pflanze, z.B. über das Blatt. Man kann also Unkraut bekämpfen und gleichzeitig neue Pflanzen aussäen, oder auch bei bereits gewachsenen Pflanzen das Unkraut bekämpfen, solange man Roundup vom grünen Teil der Nutzpflanzen fernhält. Beim Weinanbau könnte zum Beispiel der Wirkstoff in Form von Granulat ausgebracht werden und das Unkraut vernichten, ohne die Pflanze zu beeinträchtigen. Möchte man aber nicht nur die frische Saat, sondern auch die bereits ausgewachsenen Pflanzen auf dem Feld vor Unkraut schützen, muss man einen anderen Weg gehen. Dieser führt meist über gentechnisch verändere Pflanzen, was bei Glyphosat nur ein Unternehmen ins Gedächtnis ruft: Monsanto.

Gift oder nicht?
Gift oder nicht?

Wie wirkt Glyphosat?

Glyphosat schädigt Pflanzen, indem es das Enzym Enolpyruvylshikimat-phosphat-Synthase hemmt.
Alles verstanden? Hervorragend. Bis morgen.
Das war natürlich nur ein Witz, wir gehen ein bisschen mehr ins Detail. Wie ich schon erwähnt habe, ist Glyphosat ein Salz. Es stammt aus der Gruppe der Phosphonate (diese Info wird nochmal wichtig, wenn wir über Glyphosat im Menschen und in der Umwelt reden). Bringt man Glyphosat in die Pflanze ein, so heftet es sich an das oben genannte Enzym, das wir nur mit EPSP-Synthase abkürzen. Dieses Enzym dient als Katalysator und beschleunigt eine chemische Reaktion, die im inneren der Pflanze abläuft, nämlich die Bildung von sogenannten „aromatischen Aminosäuren“ (der Begriff „Aroma“ kommt tatsächlich daher, dass die ersten Verbindungen die in dieser Kategorie entdeckt wurden, einen sehr aromatischen Geruch hatten). Heftet sich Glyphosat jetzt an die EPSP-Synthase, kann diese ihrer Arbeit nicht nachgehen und somit nicht mehr helfen, neue aromatische Aminosäuren zu synthetisieren. Ohne diese Aminosäuren kann die Pflanze keine Proteine „zusammenbauen“, die u.a. für das Wachstum der Pflanze zuständig sind. Werden diese Proteine nicht mehr ausgebildet, stirbt die Pflanze innerhalb weniger Tage ab. Dieser Prozess, bei dem die EPSP-Synthase dabei hilft, Aminosäuren zu synthetisieren, die wiederum Proteine bilden, findet ausschließlich in Pflanzen, Pilzen und Bakterien statt. Zum einen ist das natürlich hervorragend, weil wir Menschen und andere Tiere somit nicht in Gefahr geraten, direkt durch die gewünschte Wirkung von Glyphosat geschädigt oder sogar vergiftet zu werden, andererseits ist es aber problematisch, weil Glyphosat keinen Unterschied zwischen Nutzpflanze oder Unkraut macht und man somit also Gefahr läuft, die Ernte auf dem Feld zu zerstören, wenn man unachtsam Glyphosat ausbringt.
Um das zu verhindern, hat der Konzern, der auch Roundup vermarktet, Pflanzen kreiert, die gegen Glyphosat weitestgehend unempfindlich sind.

Monsanto, Gentechnik und Patente

Es gibt keine Diskussion über Gentechnik und insbesondere keine Diskussion über Glyphosat, ohne auch von Monsanto zu sprechen, das in vielen Augen DER Profiteur von einer erneuten Zulassung von Glyphosat wäre. Entgegen dieser weitläufigen Meinung verdient Monsanto aber kaum etwas an Glyphosat. Rund 90 Unternehmen produzieren den Stoff, exportieren ihn in rund 130 Länder und in beinahe allen ist das Patent von Monsanto bereits abgelaufen. Hier in Deutschland könnte also jeder Hobbychemiker in seinem Keller Glyphosat herstellen und Monsanto könnte nicht das Geringste dagegen tun (trotzdem sollte natürlich niemand versuchen, ohne professionelle Anleitung – nicht YouTube! – ein Unkrautvernichtungsmittel zu produzieren). Woran Monsanto in Deutschland auch nichts verdient, sind Pflanzen, die gegen Glyphosat resistent sind. Denn obwohl Monsanto diese entwickelt hat, wurden diese Pflanzen hier in Deutschland und den meisten EU-Staaten nicht zum Anbau zugelassen. In erster Linie natürlich, weil die Pflanzen mithilfe der Gentechnik verändert wurden. Um solche Pflanzen herzustellen, hat man sich erst erst E.Coli-Bakterien gesucht, die gegen Glyphosat resistent sind, hat das neue ESPS-Synthase-Gen isoliert, kloniert, und mithilfe einiger Vertreter einer Bakteriengattung mit dem sexy Namen „Agrobacterium“ in die entsprechenden Nutzpflanzen eingeschleust. Pflanzen, die so verändert wurden, sind natürlich wunderbar für den Anbau auf Feldern geeignet, auf denen ausschließlich Präparate wie Roundup ausgebracht werden. Man muss keine anderen Stoffe einkaufen, man muss beim Ausbringen von Präparaten wie Roundup nicht zimperlich sein, sondern ausschließlich gesetzliche Grenzen beachten und hat bereits nach ein paar Tagen eine sichtbare Wirkung, nämlich totes Unkraut und lebendige Pflanzen. Zumindest in einem gewissen Zeitraum.
Denn wenn man ausschließlich einen Stoff z.B. Glyphosat verwendet, um seine Pflanzen zu schützen, bekommt man irgendwann das erste Unkraut auf dem Feld, auf das die bisherige Menge des Stoffes keine Wirkung mehr hat. Das Unkraut entwickelt Resistenzen. Möchte man jetzt aber an dem verwendeten Herbizid festhalten, muss man die verwendete Menge erhöhen, um das Unkraut trotzdem zu töten. Das ganze würde sich über die Jahre zu einem Wettrennen entwickeln, das am Ende von der Natur gewonnen wird. Im Moment steht Glyphosat im Vergleich noch relativ gut da. Zurzeit sind rund 21 Unkräuter bekannt, die gegen Glyphosat resistent sind. Auf Bauernhöfen, die ausschließlich auf glyphosathaltige Herbizide setzen, sind die Resistenzen trotzdem Mittlerweile schon zum Problem geworden, dort wird inzwischen als Alternative auf andere, ältere und aggressivere Pflanzenschutzmittel zurückgegriffen. Eine Entwicklung, die man als Verbraucher natürlich nicht wollen kann. Aber auch Glyphosat selbst interagiert selbstverständlich mit der Umwelt. Und wo immer Glyphosat verwendet wird, gelangt es auch in Körper. Unabhängig von Gefährdungen, Grenzwerten und sonstigen Auflagen, müsste der Einsatz von Glyphosat auf Feldern alleine aus Kostengründen ohnehin so gering wie möglich gehalten und z.B. durch weitere Maßnahmen wie Fruchtwechsel oder gelegentliches Pflügen ergänzt werden, damit die Resistenzen nicht dauernd unkontrolliert zunehmen und Glyphosat dann auf ganz natürlichem Wege von den Feldern verbannen.

Glyphosat in der Umwelt

Ich habe vor einer Weile in einem Artikel der Wirtschaftswoche einen Text über Glyphosat im Bier gelesen (worüber wir auch noch reden). In den Kommentaren fiel mir ein User auf, der behauptete, Glyphosat würde sich niemals, nirgendwo und unter keinen Umständen abbauen, sondern stetig in der Umwelt anreichern. Und das ist (zum Glück) vollkommen falsch. Glyphosat baut sich ab. Wie schnell das passiert, hängt aber ganz davon ab, wo Glyphosat ausgebracht wird. Glyphosat landet ja im Bestfall im Unkraut, das es töten soll. Dort reichert es sich allerdings gerne (insbesondere) in den Wurzeln an. Sobald Glyphosat aber Kontakt mit den Mikroben im Erdboden kommt, beginnt der Abbau des Stoffes. Die Halbwertszeit für Glyphosat (also die Zeit, die es dauert, bis die HÄLFTE des Stoffes abgebaut ist) liegt auf dem Acker bei rund 14 Tagen, in Waldgebieten kann es aber bis zu zwei Monate dauern. Eine große Studie, die die Halbwertszeiten von Glyphosat sowohl auf dem Acker, als auch auf dem Feld betrachtet hat, fand Halbwertszeiten, die zwischen einem und 197 Tagen lagen. Im Mittel fand diese Studie eine Halbwertszeit für Glyphosat von rund einem Monat, unabhängig vom Untergrund. Wenn Glyphosat abgebaut wird, entsteht als erstes Aminomethylphosphonsäure (wir kürzen die ab jetzt mit AMPA ab). AMPA findet sich im Boden allerdings länger als Glyphosat, wird letztendlich aber ebenfalls abgebaut. Nach einigen weiteren Reaktionen wird aus dem Ursprungsstoff Glyphosat eine Mischung aus CO2, Phosphat und Ammonium. Wie lange es nun letztendlich dauert, bis aus Glyphosat diese „harmlosen“ Stoffe geworden sind, hängt ganz von dem Ort ab, auf dem Glyphosat ausgebracht wird und von den Bedingungen, die dort herrschen. Diese Info muss man unbedingt im Hinterkopf behalten, wenn man Präparate mit Glyphosat einsetzt. Denn auch bei Glyphosat gibt es Grenzwerte, die eingehalten werden müssen. So liegt der Grenzwert für Soja z.B. bei 20mg Glyphosat pro Kilogramm Soja. Für Waldpilze sind es bis zu 50mg/kg und für die Abbauprodukte von Glyphosat, wie z.B. AMPA gibt es keine Höchstgrenzen. Wenn wir über Glyphosat im Körper reden, werden solche Grenzwerte nochmal sehr wichtig. Wir reden aber im Moment über Glyphosat in der Umwelt und ein solcher Text muss sich natürlich auch damit auseinandersetzen, was Glyphosat außerhalb der Nutzpflanzen anrichtet. Ein Acker ist niemals steril. Es ist ein offenes Biotop, das ständig im Austausch mit der Umwelt steht. Vernichtet man das Unkraut auf so einem Acker, nimmt man Insekten die Nahrungsgrundlage. Wo Insekten fehlen, gibt es auch keine Vögel, die solche Insekten fressen und somit haben jegliche Pflanzenschutzmittel einen negativen Einfluss auf die Biodiversität des betreffenden Ackers. Aber anstatt den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln – insbesondere Herbiziden wie Roundup – zu verringern, ist bei einigen Bauern die sogenannte „Sikkation“ sehr beliebt. Dabei bringt man Herbizide wie Glyphosat kurz vor der Ernte auf dem Feld aus, was die Ernte erleichtern soll; hauptsächlich soll so ein Stoff aber die Reife der Pflanzen auf dem Acker kontrollieren. Denn wenn das entsprechende Herbizid die Nutzpflanzen angegriffen hat, wird der Reifeprozess der Pflanze beendet. Das beste Beispiel hierfür sind rote, gelbe und grüne Paprika, die gemeinsam verkauft werden. So ein unterschiedlicher Reifeprozess lässt sich mithilfe der Sikkation hervorragend steuern. Seit 2014 existieren mittlerweile auch Regelungen für die Sikkation mittels Glyphosat in Deutschland. Ich traue mich allerdings noch nicht, eine Bewertung dieser Regulation abzugeben. Dafür fehlt mir doch noch ein wenig das Landwirtschaftliche Knowhow. Glyphosat wird aber nicht nur gerne auf dem Feld eingesetzt, sondern auch zur Bekämpfung von unerwünschtem Grün in Gewässern. Und dort ist es für Fische tatsächlich sehr schnell schädlich. Die letale Dosis für Fische liegt im Mittel bei ungefähr 1/100 der letalen Dosis für Ratten, Enten usw.

Glyphosat in Tieren

Wie findet man heraus, ob ein Stoff für den Menschen gefährlich ist? Natürlich nicht, indem man ihn am Menschen ausprobiert. Man nimmt sich stattdessen Tiere und forscht mit deren Hilfe. Man kann von Tierversuchen natürlich halten, was man will, aber letztendlich sind sie noch immer die beste Methode, die uns zur Verfügung steht (noch!). Aber die Grenzen zwischen einem lehrreichen Tierversuch und simpler Tierquälerei sind schmal. Erinnert sich noch jemand an die Studie, die belegen sollte, wie Glyphosat und Genmais in Ratten Tumore verursacht haben sollen? Gilles-Eric Séralini war federführender Autor der Studie, die ihn über Nacht berühmt gemacht hat. Die Bilder der Ratten mit teilweise handtellergroßen Tumoren gingen durch quasi jedes Medium und dürften bei einigen Gentechnikgegnern orgasmische Gefühle ausgelöst haben. Zumindest bis die Studie von so ziemlich jedem Wissenschaftler auf diesem Planeten zerrissen wurde. Mittlerweile wurde die Studie zurückgezogen. Diese Studie ist nicht nur ein Beispiel für schlechte Wissenschaft, sondern auch für Tierversuche, bei denen Tiere unnötigerweise gequält wurden. Ganz umsonst sind die Ratten in der Studie aber nicht gestorben, nein. Denn in der Studie konnte Séralini zeigen, dass männliche Ratten, die regelmäßig Glyphosat zu sich nehmen mussten, länger lebten, als ihre Artgenossen. Mir vorzustellen, dass dieses Ergebnis der metaphorische, erhobene Mittelfinger der Ratten in Richtung Séralini war, erfüllt mich doch mit ein bisschen Genugtuung.
In einer anderen, methodisch zumindest fragwürdigen Studie, wurden Embryonen von Hühnern und Fröschen direkt in einer glyphosathaltigen Lösung gebadet, bzw. das Glyphosat teilweise direkt in die Embryonen injiziert. Das Ergebnis? Missbildungen. Was lernen wir daraus? Absolut nix. Wer etwas über die Gefährlichkeit eines Stoffes in Erfahrung bringen will, sollte eventuell darauf achten, dass die Darreichungsform einigermaßen realistisch ist. Man hätte zum Beispiel beobachten können, wie sich die Föten verhalten, wenn die Muttertiere mit Glyphosat in Kontakt kommen. Man könnte sich einen solchen Versuch aber auch sparen, da sie bereits passiert sind – mit dem Ergebnis, dass die Mütter teilweise schwere Vergiftungserscheinungen zeigten, bevor irgendeine Erbgutschädigung und damit verbundene Missbildungen an den Embryonen auftraten. In anderen Studien hat man die tödlichen Dosen für kleinere Tiere bestimmt. Bei Ratten betrug diese rund 5000mg/kg, bei Mäusen lag die Dosis bei rund 10.000 mg/kg und bei Ziegen rund 3500mg/kg. In Gewässern betrug die letale Dosis für Fische (je nach Präparat) zwischen 1,3mg/L bis zu über 1000mg/L. Man muss an dieser Stelle erwähnen, dass bei diesen Dosen ausschließlich von Glyphosat die Rede ist. Wann immer man Roundup betrachtet hat, sank die letale Dosis teilweise erheblich. Zum Beispiel auf nur rund 1000mg/kg bei Ratten, oder zwischen 0.65 mg/L bzw. 13 mg/L bei Fischen. Schuld daran sind die in Roundup enthaltenen Zusatzstoffe, die giftiger sind, als Glyphosat selbst (hier ist der Link zu einer Sammlung von 75 Studien, auf denen diese Ergebnisse beruhen. Sollte eine dieser Studien für jemanden von Interesse sein, aber hinter einer Paywall stecken, meldet euch).

Auch die Fische scheinen reines Glyphosat gut zu vertragen
Auch die Fische scheinen reines Glyphosat gut zu vertragen

Glyphosat im Körper

Die Debatte um Glyphosat im Menschlichen Körper wird prinzipiell über den Ausruf „Glyphosat in Urin und Bier! Das geht nicht!“, geführt. Dabei fällt hinten unter, dass diese Mengen gerade so oberhalb der Nachweisgrenze liegen. Bis vor ein paar Jahren hätte es keine Untersuchung gegeben, die solche Spuren hätte feststellen können. Aber immer schön der Reihe nach. Vor ein paar Jahren hat der BUND eine Studie in Auftrag gegeben, bei der am Ende 182 Urinproben aus ganz Europa getestet wurden (10 davon aus Deutschland), und in der in knapp der Hälfte kein Glyphosat nachgewiesen werden konnte (in der Studie sind solche proben mit <0,15 gekennzeichnet und liegen unterhalb der Empfindlichkeitsgrenze der verwendeten Testmethode). Die gefundenen Mengen betrugen bis zu 1,8 Mikrogramm pro Liter Urin. Das BfR rechnet vor, dass auch die tausendfache Menge Glyphosat im Urin trotzdem noch im erlaubten, gesetzlichen Rahmen liegt. Diese Menge Glyphosat ist also auch über einen längeren Zeitraum als unbedenklich zu betrachten. Der Grüne Europaabgeordnete Sven Giegold twitterte, man habe in seinem Urin 1,9 Mikrogramm Glyphosat gefunden. Er liegt also knapp über dem höchsten Wert, der in der Studie gefunden wurde. Trotzdem trägt er also noch weniger Glyphosat im Körper, als nach EU-Richtlinien erlaubt wäre. Jetzt sind diese Zahlen allerdings ziemlich klein und kaum jemand dürfte sich darunter etwas vorstellen können. Deswegen rechnen wir diese Zahlen mal in ein paar ansehnlichere Werte um. Multiplizieren wir diese rund 2 Mikrogramm, die man bei Sven Giegold gefunden hat, mit dem Faktor 1000, haben wir den Bereich von Milligramm erreicht. Multiplizieren wir diese 2 Milligramm nochmal mit 250, kommen wir auf 500 Milligramm und haben damit die Menge an Wirkstoff erreicht, die in einer normalen Aspirintablette enthalten ist.
Rechnen wir nochmal mit den 2 Mikrogramm. Multiplizieren wir sie wieder mit dem Faktor 1000 haben wir erneut 2 Milligramm. Multiplizieren wir die nochmal mit 19 haben wir 38 Milligramm. 38 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht sind die Letale Dosis des Fliegenpilzgiftes Ibotensäure.
Glyphosat müsste im Körper also in weit mehr als der zehntausendfachen Dosis vorliegen, um die Menge zu erreichen, die für Aspirin wünschenswert und für Fliegenpilzgift tödlich wäre.
In einer Studie des Umweltinstituts München (klingt wichtig, ist aber auch nur sowas wie der BUND, oder Campact, oder die Bild) wurden 14 Bierflaschen auf Glyphosat getestet. Keine Chargen, keine Kästen, nur 14 verschiedene Bierflaschen. Die gefundenen Mengen schwankten alle im Bereich von rund 0,5 Mikrogramm pro Liter, bis zu rund 30 Mikrogramm pro Liter. Die Studie ist methodisch mehr als fragwürdig, was auch der Bund der Bierbrauer in einer Stellungnahme verlauten lässt.

Aber nicht nur in Bier und Urin will man Glyphosat gefunden haben, sondern auch in der Muttermilch! Ja. Der Muttermilch! Das ist das Zeug, das in frisch geschlüpfte Babys rein kommt!
Womit kann man denn schöner Angst erzeugen? Irgendwann im Spätsommer 2015 haben die Grünen eine Nachricht veröffentlicht, nach der ein Leipziger Labor in 16 Muttermilchproben Glyphosatrückstände oberhalb der Grenzwerte für Trinkwasser gefunden hätte. Das ist deshalb merkwürdig, weil das BFR und die Washington State University in rund 140 deutschen Proben keinerlei Belastung mit Glyphosat oberhalb der Nachweisgrenze fanden.
Das wundervollste an der Sache ist die Rechtfertigung der Grünen, die fälschlicherweise behaupten, es hätte zum Zeitpunkt der Leipziger Studie noch keine Methode gegeben, mit der man den Nachweis für Glyphosat in Muttermilch hätte erbringen können. Also wussten die Grünen damals anscheinend schon, dass ihre Studie Müll ist? Das ist – mal wieder – genau mein Humor.
Aber weil wir immer wieder mit Studien konfrontiert werden, die irgendwelche Testmethoden verwenden, bei denen der Laie gar nicht durchsteigen kann, will ich hier erklären, wie die Leipziger bei ihrem Test eigentlich vorgegangen sind:
Getestet wurde mit dem sogenannten ELISA-Test. Wenn wir eine Probe irgendeiner Flüssigkeit haben, geben wir dort einen Stoff rein, an den sich das zu testende Molekül bindet. Also würden wir einen Antikörper in die Flüssigkeit geben, an den sich jeweils genau ein Glyphosat-Molekül pro Antikörper binden kann. So würden dann in der Flüssigkeit Antikörper-Glyphosat-Paare entstehen. Dummerweise kann man jetzt nicht einfach zählen, wie viele Antikörper ihren Gylphosatpartner abbekommen haben und dann bestimmen, wie viel Glyphosat in der Probe war. Man muss ein bisschen kreativer werden. Man schmeißt also in die Probe nicht nur Antikörper rein, sondern anschließend auch Enzyme. Diese Enzyme haben ebenfalls ein Glyphosat-Molekül, das aber vorher schon an sie gebunden ist. Also schwimmen in der Flüssigkeit nun Glyphosat, Antikörper und Enzyme mit Glyphosat rum. Und jetzt beginnt der Konkurrenzkampf um die freie Glyphosat-Stelle im Antikörper. Denn jetzt kann entweder das reine Glyphosat oder das Enzym (indem es sein eigenes Glyphosat vorschickt) an den Antikörper andocken. Den ersten dämmert vielleicht, was das bedeutet. Ist viel Glyphosat in der Probe, gibt es natürlich auch mehr Glyphosat, das an die Antikörper andocken kann. Gibt es weniger Glyphosat in der Probe, haben mehr Enzyme diese Gelegenheit. Man lässt die Probe eine Weile einwirken, beseitigt die restlichen Enzyme, die nicht gebunden wurden, und jetzt gibt man einen Farbstoff hinzu, der erst mit den Enzymen wirkt. Habe ich also eine Probe, in der viele Enzyme gebunden wurden, entwickelt sich eine sehr dunkle Farbe, was bedeutet, dass in der Probe natürlich weniger reines Glyphosat enthalten war – sonst hätten sich die Enzyme nicht binden können. Habe ich hingegen viel Glyphosat in der Probe, können sich nur wenige Enzyme binden und es entsteht kaum Farbe.

Die typische Färbung des ELISA-Tests - Gemeinfrei
Die typische Färbung des ELISA-Tests – Gemeinfrei

Ziemlich clever, oder?
Jetzt gibt es nur ein Problem an der Methode. Die Enzyme wollen sich an die Antikörper binden. Das gelingt aber nicht, wenn z.B. zu viel Fett in der Probe ist, das die Bindung stört. Wenn sich die Enzyme nicht richtig binden können, werden sie beseitigt bevor der Farbstoff zugegeben wird, es entsteht kaum Farbe und damit verbunden der Eindruck, es gäbe viel Glyphosat in der Probe. Und jetzt raten wir alle mal, welche Flüssigkeit besonders viel Fett enthält? Korrekt. Muttermilch. Also ist die Methode für Muttermilch nicht geeignet, da zu störanfällig.
Nur woher soll man sowas als interessierter Laie, oder als besorgte Mutter wissen?
Tja, am Ende hilft nur Google und eine gehörige Portion Glück. In den meisten Fällen hilft Wikipedia nicht weiter, weil zu fachbezogen. Ich persönlich hatte bei Doccheck Glück, eine einigermaßen verständliche Erklärung zu finden.

Glyphosat: Krebs oder kein Krebs?

Reden wir jetzt darüber, ob Glyphosat Krebs verursachen kann, oder nicht.
Eine Tochteragentur der WHO, die „International Agency for Research on Cancer“, kurz IARC hat untersucht, ob Glyphosat krebserregend ist und kam zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich Krebserregend sei. Die Einschätzung ist auch korrekt, solange man den Kontext betrachtet. Das IARC betrachtet hunderte Mittel und untersucht sie auf ihr Potenzial, Krebs zu verursachen. In der Kategorie 1 (also der höchsten) finden sich Dinge wie Sonnenlicht, Röntgenstrahlen, Tabak(rauch), Hepatitis, aber auch Holzstaub (wie er z.B. in Schreinereien anfällt). In der zweithöchsten Kategorie (2A) findet sich neben Glyphosat noch der HP-Virus, Malaria, der Friseurberuf, der Konsum von rotem Fleisch und Schichtarbeit. Und hier wieder meine alte Frage: Was ist gefährlicher? 10 Jahre Schichtarbeit? 50 Jahre gelegentlicher Passivrauch? 2 Wochen in der australischen Sonne mit unzureichendem Sonnenschutz? Klar, die Liste gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit an, wovon ich mich eher fernhalten sollte, wenn ich keinen Krebs bekommen will, aber es gibt Raucher die nach 50 Jahren keinen Lungenkrebs bekommen und es gibt Menschen die nach einem Urlaub in Australien ein Melanom an sich entdecken. Wenn ich eine kompetente Einschätzung darüber haben will, ob irgendein Stoff in der Menge, mit der ich im Alltag konfrontiert werde, Krebs verursacht, muss ich mich an das Bundesamt für Risikobewertung, das BfR halten. Das hat sich den Fragen rund um Glyphosat angenommen und kommt dabei zu dem Schluss, dass es – sofern all die Grenzwerte eingehalten werden – für den Menschen keine Gefahr darstellt. Dafür wird das BfR jetzt sogar verklagt.
Erinnert ihr euch noch daran, dass ich im ersten Abschnitt sagte, die Info, dass Glyphosat zu den Phosphonaten gehört, würde nochmal wichtig werden? Der Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Denn diese Stoffklasse hat einige sehr interessante, biologische Eigenschaften. Zum einen wird es sehr schlecht in den Organismus aufgenommen. Lediglich rund 35-40% des Glyphosats wandern über den Darm in den Körper und werden dann wieder über die Nieren ausgeschieden.
Trotzdem ist es (abseits von der ganzen Krebsdebatte) durchaus möglich, sich mit Glyphosat, aber insbesondere mit Roundup zu vergiften. Rund ein Drittel der weltweit durchgeführten Suizide werden mit Pestiziden begangen. Da glyphosathaltige Präparate quasi die Marktführer sind, führt das natürlich dazu, dass z.B. Roundup in Suizidstatistiken auftaucht. Das hat aber nichts mit der Giftigkeit des Stoffes zu tun, sondern lediglich mit der Menge an verkauftem Roundup. Insbesondere die zugesetzten Tenside haben ihren Anteil an der Giftigkeit der Präparate. Es gibt immer wieder Fälle, in denen Leute Vergiftungserscheinungen zeigten, nachdem sie mit Mitteln wie Roundup unvorsichtig umgegangen sind. Zum Beispiel gibt es Berichte von Bauern, die mit Atemwegsbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert wurden, nachdem sie Roundup ohne Atemschutz versprüht hatten. Es gibt auch Berichte über Kinder, die bereits nach einem Schluck Roundup verstarben (zumindest gibt es die, wenn ich die verdammte Präsentation wieder finde, in der ich die entsprechenden Zitate gesehen habe…). Das alles ist allerdings kein Beweis für die Gefahr von Roundup und rechtfertigt kein Verbot, denn jedes Pestizid ist gefährlich. Und mit Glyphosat stehen wir vergleichsweise noch gut da.

Alternativen zu Glyphosat

Nehmen wir mal an, wir haben bald ein Verbot von Glyphosat. Was wären die Alternativen, um Pflanzen zu schützen? Ich könnte es jetzt kurz machen und sagen: Es gibt keine. Aber wir schauen uns mal ein paar „Alternativen“ an.
Wir reden natürlich nur über Herbizide, also über Unkrautvernichter. Diese teilt man für gewöhnlich in zwei Oberkategorien ein. Breitbandherbizide und selektive Herbizide. Breitbandherbizide (so wie Glyphosat) wirken unspezifisch gegen alles was auch nur ansatzweise eine Pflanze ist. Selektive Herbizide wirken spezifisch gegen bestimmte Pflanzen, z.B. gegen Gräser.
Bei den Breitbandherbiziden gibt es zum Beispiel welche, die die Photosynthese der Pflanzen hemmen sollen. Paraquat wäre so ein Mittel. Ach nein, wäre es nicht, das ist in der EU ja gar nicht zugelassen. Warum nur? Vielleicht weil die Halbwertszeit im Boden bei rund 1000 Tagen liegt? Oder weil die tödliche Dosis für den Menschen bei 35mg/kg liegt? Oder vielleicht weil der Stoff so oft für Suizidversuche verwendet wurde, dass man ihm sogar ein Brechmittel beigesetzt hat, um das zu verhindern? Nagut, dann halt nicht Paraquat. Es gibt ja zum Glück noch Diquat! Das ist in der EU auch tatsächlich zugelassen, aber nur für den Einsatz bei Kartoffeln und Hopfen. Außerdem ist es in Nationalparks und Naturschutzgebieten verboten. Es ist hochgiftig (die meisten Leute starben nach der Einnahme von rund 12 Gramm, aber schon bei niedrigeren Konzentrationen wurden Organschädigungen sichtbar) und scheißgefährlich für Bienen und Wasserorganismen.
Gut, also keine Photosynthesehemmer. Wie wäre es mit einem Mittel, das die Aminosäureproduktion hemmt? So ähnlich wie Glyphosat? Da gäbe es Glufosinat, das im Handel als Basta bekannt ist. Die täglich erlaubte Höchstdosis liegt bei 0,021mg/kg. Eine Zulassung hat das Mittel in Europa ebenfalls. Dummerweise ist es fruchtschädigend. Und leider ist das Zeug so stabil wie Jopie Heesters. Auf Gemüse wird es noch bis zu 120 Tage nach der Ausbringung nachgewiesen, bei Tiefkühlware bis zu zwei Jahre. Und das betreffende Gemüse in heißem Wasser zu kochen, um Basta loszuwerden kann man auch knicken, das Zeug überlebt selbst das.
Okay, dann nehmen wir halt Wuchsstoffe, die das Unkraut dazu bringen, schneller zu wachsen, die Nährstoffe aus dem Boden zu ziehen und dann an Unterernährung zu sterben. Obwohl, es ist vielleicht nicht die beste Idee, Unkräuter dazu zu bringen, dem Boden noch schneller die Nährstoffe zu entziehen.
Reden wir halt über selektive Herbizide, wie man sie z.B. gegen Gräser verwendet. Der Wirkstoff Sethoxydim scheidet aus, der hat europaweit keine Zulassung. Gleiches gilt für Bromacil.
Der Wirkstoff Bentazon wäre ein selektives Herbizid, das die Photosynthese hemmt. Es hat sogar eine EU Zulassung, kann aber bei starker Anwendung grundwassergefährdend sein. Es ist ungiftig für Bienen, allerdings giftig für Vögel. Zur Gefährlichkeit beim Menschen gibt es bisher noch nicht genügend Studien, um eine finale Aussage treffen zu können, es wurde aber ein Fall berichtet, bei dem 88 Gramm des Stoffes einen Menschen getötet haben. Der Kontakt mit dem Stoff sorgt (wie jedes andere Herbizid) für Irritationen der Haut, Durchfall, Erbrechen, Atemschwierigkeiten usw.
Herbizide allein sind gelegentlich aber auch nicht genug. Die Gruppe der sogenannten Herbizid-Safener dient dazu, Nutzpflanzen unempfindlicher gegen den Einsatz von Herbiziden zu machen. Dabei gibt es spezifische Safener, die nur auf spezielle Pflanzen in Verbindung mit speziellen Herbiziden wirken. Ich werde mal ein Mittel zufällig auswählen und es exemplarisch betrachten. Meine Wahl fällt auf Fluxofenim (das ich mir wegen des lustigen Namens ausgesucht habe). Das ist leider in der EU nicht zugelassen. Also, neuer Versuch. Benoxacor soll es sein, das mit Herbiziden verabreicht wird, die Metolachlor enthalten. Und letzteres hat keine Zulassung in Deutschland. Also, dritter Versuch (ich schwöre, die Auswahl ist zufällig!). Der Safener Dimepiperat hat auch keine Zulassung. Furilazol hat auch keine Zulassung in der EU. Okay, einen Versuch unternehme ich noch, dann wird’s mir zu blöd. Naphthalsäureanhydrid rettet mich. Es wird in Kombination mit Herbiziden eingesetzt, deren Wirkung auf Sulfonylharnstoffen beruht. Über 30% der deutschen Ackerflächen wurden mit diesem Stoff behandelt. Sulfonylharnstoffe gibt es in unterschiedlichen Präparaten, die bei vielen verschiedenen Nutzpflanzen angewandt werden können. Sulfonylharnstoffe wirken ähnlich wie Glyphosat und hemmen die Bildung von Aminosäuren. Die diversen Präparate, die solche Stoffe beinhalten scheinen auch alle einigermaßen verträglich für die Tierwelt zu sein. Kein Wunder, dass sich der Stoff tatsächlich auch in Deutschland durchgesetzt hat. Aber ähnlich wie Glyphosat sind auch Präparate mit Sulfonylharnstoffen stark resistenzgefährdet. Einzelne Mutationen im Genom von Pflanzen reichen schon aus, um selbige resistent gegen die Wirkung von Sulfonylharnstoffen zu machen.

Aber nicht nur im normalen Anbau werden Pestizide eingesetzt, auch im Bio-Landbau dürfen Mittel verwendet werden, um das Feld vor Schädlingen zu schützen. Ein paar Beispiele gefällig?

Mittlerweile dürfte jeder schon Mal von Kupfersulfat gehört haben, das im Biolandbau verwendet werden darf. 3kg pro Hektar sind in Deutschland erlaubt, in der EU gilt auch die doppelte Menge noch als zulässig. Und auch Kupfersulfat ist untersucht worden. Zum Beispiel in Mäusen. Dort hat sich herausgestellt, dass schon Mengen von rund 8 mg/kg zu mutagenen und gentoxischen Effekten in Knochenmark und Blut führen, bei 10mg/kg hat man eine Erbgutschädigung festgestellt, die sich in der Bildung von sogenannten Micronuklei manifestierte.
Kupfersulfat reichert sich im Boden an, wird quasi nicht abgebaut, Bauern, die regelmäßig mit dem Mittel in Kontakt kommen, leiden häufiger an Leberschäden, im Boden tötet es alle möglichen Tiere (z.B. Würmer, die ja noch in der Erdschicht leben, in die das Kupfersulfat eindringt) und andere Organismen und im Wasser wirkt es ebenfalls toxisch auf alle Tiere, die da so rumschwimmen.

BT-Toxine (ja, genau DIE BT-Toxine) dürfen ebenfalls gespritzt werden. Gespritzt! Nicht aber in Pflanzen eingebaut werden, sodass sie den Wirkstoff selbst produzieren. Blöd nur, dass diese Toxine ausschließlich gegen eine bestimmte Insektenart wirken. Und wo immer so ein Selektionsdruck (entweder passe ich mich an ein Toxin an und überlebe, oder meine Art stirbt aus) ausgeübt wird, ohne durch andere Maßnahmen dafür zu sorgen, dass sich ein Insekt auf mehrere Bedrohungen einstellen muss, ist der Weg zum Auftreten von Resistenzen nicht weit.

Ebenfalls im Biolandbau zugelassen ist ein Stoff, den man in Chrysanthemenblüten findet, das sogenannte Pyrethrum. In Amerika wurde der Stoff von der EPA schon 1990 als wahrscheinlich krebserregend eingestuft und verboten. Bei der Neubewertung 2004 wurde dann entschieden, dass es zwar Hinweise für eine krebserregende Wirkung gäbe, die Daten aber nicht ausreichen, um das Potenzial beim Menschen abzuschätzen. 2005 wurde dann eine Studie veröffentlicht, die einen gentoxischen Effekt auf die Zellen der menschlichen Nasenschleimhaut nachweisen konnte.

Glyphosat und der Verbraucherschutz

Vergesst das Grundgesetz, vergesst alle Werte, die uns der Humanismus geschenkt hat. Wenn morgen Aliens auf der Erde einfallen und uns alle versklaven ist es nicht wichtig, wie wir überleben. Es ist nur wichtig, wie wir unsere Verbraucherschutzstandards hochhalten! Verbraucherschutz ist so ein weiteres Feld, auf dem die Debatte über Glyphosat geführt wird. Angekurbelt wurde die Debatte zusätzlich noch wegen unseres Freihandelsabkommens mit den USA. Während in Amerika beim Verbraucherschutz eher das #YOLO-Prinzip gilt, bei dem Dinge erst verboten werden, wenn jemand daran gestorben ist, gilt in Europa das Schildkrötenprinzip, bei dem man sich erstmal isoliert und dann schaut, ob überhaupt irgendwo Gefahr droht. Die Forderung, es müsse eine hundertprozentige Sicherheit für Lebensmittel oder andere Produkte, die Anwendung am Menschen finden, geben, ist genauso realitätsfremd wie der amerikanische Ansatz, der den Verbraucher in erster Instanz sich selbst überlässt.
Gerade in Europa eignet sich dieses Vorsorgeprinzip aber wunderbar, um unerwünschte Ideen zu verbieten, auch wenn man praktisch keine Argumente für das Verbot hat.
Wunderbar zu sehen ist das natürlich beim Thema Glyphosat. Es wird im Körper gefunden, es ist „wahrscheinlich Krebserregend“ und es ist perfekt für grüne Lobbyverbände, ihre Ideologie durchzuboxen. Was mich da allerdings wirklich wundert, ist die Blindheit auf beiden Augen, wenn es um Gefahren abseits von Glyphosat geht. Wir erinnern uns noch an die Liste, auf der Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft wird? In derselben Liste finden sich rotes Fleisch, bzw. gepökeltes Fleisch in denselben Kategorien wie Glyphosat (2A) oder Röntgenstrahlen (1). Wo bleiben die Forderungen nach dem sofortigen Verzicht auf rotes Fleisch? Wo sind die grünen Lobbyisten, die sich gegen die Fleischindustrie stellen? Wo sind die namenhaften Umweltschützer, die etwas gegen die Massentierhaltung unternehmen wollen? Wo sind die Sitzblockaden vor Friseursalons? Mal ganz abgesehen von der Krebsgefahr ist z.B. die Massentierhaltung immerhin ungemein klimaschädlich. Wo sind die Verbotsforderungen für Solarien? Für Verbrennungsmotoren? Für Alkohol, Tabak und die ganzen Kosmetika?
Die Organisationen, die gegen Glyphosat hetzen, interessieren sich einen Scheiß für Verbraucherschutz. Es geht schlicht und ergreifend um einen Sündenbock, der möglichst medienwirksam hingerichtet werden soll – quasi die Französische Revolution, nur in Grün – nur damit man am Ende einige Wählerstimmen, Spendengelder oder Mitglieder bekommt. Das einzige was hier für den Verbraucherschutz getan wird, ist das Verbot eines Mittels, das vielleicht ein bisschen Schädlich ist, im Austausch für dutzende Mittel, die definitiv schädlich sind. Und ich weiß wirklich nicht, was erschreckender ist. Die Wissenschaftsfeindlichkeit, die in solchen Debatten herrscht? Die Bereitschaft von großen Teilen der Bevölkerung, sich in dieser Debatte vor den grünen Karren spannen zu lassen? Oder vielleicht die Tatsache, dass es grüne Organisationen gibt, die so einfach ihre Lobbytätigkeit ausleben können und trotzdem bei der Bevölkerung und insbesondere bei großen Teilen der Journalisten noch als die „Guten“ dastehen?
Vermutlich ist es eine Mischung aus allen Faktoren. Dem Verbraucher wird am Ende ein Bärendienst erwiesen, denn es ist nicht Glyphosat, um dessen Zulassung gestritten werden sollte. Es sind die Tenside, über die wir reden müssen.

Wenigstens unser Bier ist sicher By Johann H. Addicks (Photograph transloaded form German wikipedia.) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/), GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons
Wenigstens unser Bier ist sicher
By Johann H. Addicks (Photograph transloaded form German wikipedia.) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/), GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons
Glyphosat und seine Tenside

Während Europa seit knapp einem halben Jahr über die Frage streitet, ob Glyphosat Krebs erzeugt und wie es sich im Körper verhält, gehen die Zusatzstoffe, die sich je nach glyphosathaltigem Präparat in solchem befinden, ziemlich unter. Denn während Glyphosat ja ziemlich gut erforscht ist, sind es die Zusatzstoffe, die eigentlich eine Untersuchung wert wären. Dementsprechend sollten also eher die Tenside in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Tenside sind Stoffe die in der Industrie vielseitig eingesetzt werden. In Waschmitteln finden sie z.B. so großflächigen Einsatz, dass es schon 1964 eine gesetzliche Verordnung gibt, die bestimmt, dass solche Tenside zu mindestens 80% biologisch abbaubar sein müssen. Auch in der Lebensmittelindustrie gibt es Tenside, die für den Körper verträglich sind und zum Beispiel eingesetzt werden, wenn fette Stoffe in Flüssigkeiten gelöst werden sollen (z.B. Kakaopulver in Milch). Und das ist auch quasi die Hauptaufgabe von Tensiden. Nämlich die Oberflächenspannung herabzusetzen. Mit Tensiden könnte man z.B. Wasser und Öl mischen. In Herbiziden dienen Tenside dazu, die Aufnahme des eigentlichen Wirkstoffs in die Pflanze zu verbessern. Trotzdem beschränkte sich der Aufstand bisher gegen den Wirkstoff Glyphosat, allerdings nicht gegen die beigesetzten Tenside. Aber seien wir ehrlich, ein Tensid mit dem Namen „Talgfettaminoxethylat“ eignet sich halt wirklich nicht so gut als Kampfbegriff wie Glyphosat, hm? Dabei ist dieses Tensid, das wir ab jetzt nur noch als Talgamin bezeichnen werden, quasi DAS Mittel der Wahl. Jetzt gibt es da allerdings einige gewaltige Probleme in Bezug auf die Umweltverträglichkeit dieser Stoffe. Man hat zum Beispiel nachgewiesen, dass solche Talgamine die Atmungsmembran von Wasserorganismen zerstören können.
Unser alter Bekannter, Séralini, hat auch eine Studie zu dem Thema verfasst. Darin wollte er nachweisen, dass Glyphosat und die Tenside eine nekrotische Wirkung auf Embryonen und Placentazellen haben. Gelungen ist ihm nur der Nachweis, dass Tenside giftiger sind, als das Glyphosat selbst und das ist bei weitem keine neue Information. Erst „neulich“, also 2004, kam ein Review zu der Erkenntnis, dass die beigesetzen Tenside giftiger sind, als das eigentliche Glyphosat (eine ähnliche Info findet ihr schon in dem Textabschnitt über Glyphosat in Tieren, bei denen die letale Dosis bei Roundup geringer ist, als beim eigentlichen Glyphosat).
Zum Glück ändert sich mittlerweile die Sichtweise auf die Tenside. Erst im Februar hat die französische Umweltministerin Ségolène Royal, das französische Institut für Lebensmittelsicherheit, Umweltschutz und Arbeitsschutz aufgefordert, eine Neubewertung für glyphosathaltige Präparate anhand der beigesetzten Tenside vorzunehmen. Es bleibt also zu hoffen, dass man nun so langsam aber sicher die eigentlichen Probleme mit Präparaten wie Roundup angeht, um moderne Landwirtschaft, Umwelt- und Verbraucherschutz nicht nur unter einen Hut zu bringen, sondern die beste Lösung für alle Parteien zu finden.

Fazit

Die Debatte über Glyphosat war vom ersten Moment an ideologisch verblendet. Aber so richtig vergiftet wurde die Debatte Ende letzten Jahres, als die Meldung „Glyphosat Krebserregend“ durch alle Medien ging. Von da an war die Debatte um Glyphosat für die nächste Zeit nur noch von einer Ablehnung aufgrund der Angst vor Krebs geprägt. Erst als man damit begonnen hat, die Ergebnisse vom BfR mit denen vom IAARC zu vergleichen und klarzustellen, wie zwei so unterschiedliche Bewertungen zustande kamen und wieso sie trotzdem dasselbe aussagen, begann der erste, leichte Stimmungswandel. Diese Stimmung, also die angeblichen „Unklarheiten“ bezüglich der Wirkung von Glyphosat hat dann auch dazu geführt, dass die endgültige Entscheidung über eine Zulassung vertagt wurde. Vermutlich auch bedingt durch die Verbraucherschutzdebatten rund um TTIP wurde die Zulassungsentscheidung vor zwei Wochen erneut vertagt. Das große Glück daran ist, dass die Neubewertung solange vertagt wurde, dass diverse Wissenschaftler, bzw. wissenschaftliche Organisationen – die ja allgemein in laufenden Debatten eher später ihre Kommentare abgeben können – die Gelegenheit hatten, ihre Expertise kund zu tun. Solche Worte wurden aber offensichtlich gehört, da mittlerweile sogar die ersten (französischen) Politiker ihre Aufmerksamkeit auf die Tenside lenken, scheint langsam ein Umdenken innerhalb der EU stattzufinden. Selbst in größeren (und kleineren) Zeitungen hat sich eine sachliche Bewertung von Glyphosat und seinen Alternativen so langsam aber sicher durchgesetzt. Die Kampagnen diverser Umweltorganisationen haben ihr Momentum so langsam aber sicher ebenfalls verbraucht, weshalb es von Woche zu Woche schwieriger werden dürfte, die Bevölkerung erneut gegen Glyphosat mobilisieren zu können, auch wenn sie wirklich alles versuchen, um genau das zu bewirken – einschließlich einer Klage gegen das BfR.
Für mich persönlich wäre eine erneute Zulassung von Glyphosat als Herbizid nur der logische und ungefährliche Schritt. Ich habe in diesem Text versucht aufzuzeigen, wie ungefährlich Glyphosat im Vergleich zu seinen Alternativen ist und welche Stoffe eigentlich eine Untersuchung benötigen würden. Glyphosat ist nur in hohen Mengen toxisch, es reichert sich nicht im Boden an, wird vom Körper nur in geringsten Mengen absorbiert und wieder ausgeschieden, es schadet weder Vögeln, noch Insekten, Monsanto verdient kaum etwas daran und wenn Glyphosat verantwortungsbewusst auf den Feldern ausgebracht wird, haben wir auf lange Sicht ein ziemlich wirksames und umweltverträgliches Herbizid – vorausgesetzt, die EU hat keinen Totalaussetzer und verweigert Glyphosat die Zulassung.

Tja, vielleicht wird aber auch das die Zukunft der Landwirtschaft?
Tja, vielleicht wird aber auch das die Zukunft der Landwirtschaft?

Natürlich habe ich nicht nur die Quellen verwendet, die im Text angegeben sind. Da ich mittlerweile bei einigen Berichten gar nicht mehr weiß, welche Quelle ich wofür verwendet habe, gibt es hier noch sämtliche weiteren Quellen zum Nachlesen (allerdings nicht nach Themengebiet sortiert. Sorry):

Umweltinstitut wirft Behörden bei Glyphosat „Fälschung“ vor

Glyphosat und Krebs – welche Studie stimmt denn nun?

Vernunft statt Angstmache

WHO-Forscher stufen Glyphosat als nicht krebserregend ein

Glyphosat: die Hintergründe zum Expertenstreit

Die böse Chemie

Schwer im kommen: Die grüne Umwelt-Scharia

Does Monsanto’s Roundup Herbicide cause cancer or Not? The Controversy, explained

Und dann schuf Gott Monsanto

Was für ein Glyphosat-Verbot spricht – und was dagegen

Riesen-Übernahme: Bayer will Monsanto

Wo sind die Beweise?

Deutsche Angsthasen

Glyphosat und die postmodernen Narzissten

Wer industriekritisch sein will, muss nicht allen Fortschritt verhindern

Glyphosat und die WHO: Erst ‘Hü’, dann ‘Hott’? Warum der Widerspruch gar kein Widerspruch ist

Faktencheck: BUND, Glyphosat und tote Babys

RE: Was an der Gentechnik schlecht ist

Glyphosat: Der Stellvertreterkrieg

Die Gentechnik-Sicherheitsdebatte ist vorbei

Krieg im Garten: Schneckenkorn – Pflanzenschutzmittel oder Kampfstoff?

Reifebeschleuniger in Obst und Gemüse

Glyphosat Factsheet (Alt)

Oh Schreck: BUND findet Pestizide im Urin von Großstädtern

4 Kommentare zu “Glyphosat: Die Fakten zur Debatte

    1. Wer keine Ahnung hat und aus Prinzip dagegen ist, den wird leider auch dieser ausführliche Bericht nicht umstimmen können.-Leider!
      Diejenigen aber, die schon mal mit der Handhacke(tagelang bei größter Hitze)Unkraut gehackt haben, waren und sind dankbar, dass Glyposat gekommen ist!

  1. Danke für die ausführliche Erklärung!

    Eine kleine Anmerkung u folgendem Satz:
    „Beim Weinanbau könnte zum Beispiel der Wirkstoff in Form von Granulat ausgebracht werden und das Unkraut vernichten, ohne die Pflanze zu beeinträchtigen.“

    Der Satz suggeriert, man könnte feststöffliches Glyphosat ausstreuen. Und in der Tat gibt es Glyphosatformulierungen in Form von Granulat. Diese sind allerdings in Wasser aufzulösen und wie auch flüssige Glyphosatformulierungen zu verwenden. Schließlich kommt es darauf an, dass die Blattoberfläche des Unkrauts mit Glyphsat benetzt wird. Ein am Boden liegendenes Gyphosatgranulat-Körnchen, das von Regen oder Tau aufgelöst wird, wäre weitgehend wirkunslos, weil der Wirkstoff – wie im Text richtig erklärt – eben nicht über die Wurzel aufgenommen wird.

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