Über den Pflegestreik

Gleich vorab: Das Thema ist mir durchaus wichtig genug, um eine kurze Unterbrechung zu unserer Gentechnik-Serie zu rechtfertigen. Reden wir also heute mal über die Situation von Pflegekräften in Deutschland. Immerhin scheint es ja sonst kein Medium für interessant genug zu halten, die reguläre Berichterstattung mal um so ein Thema zu Erweitern.
Kleines Beispiel gefällig? So geht das ARD Morgenmagazin mit dem Thema um:

Wir stecken übrigens gerade in dieser ominösen “nächsten Woche”, von der im obigen Tweet die Rede ist. Auch in dieser Woche (und heute ist schon Donnerstag) ist vom Pflegestreik nichts zu sehen.

Eine Suche auf Zeit.de ergab zum aktuellen Pflegestreik keine Berichterstattung.*
Eine Suche auf faz.net ergab zum aktuellen Pflegestreik keine Berichterstattung.*
Eine Suche auf spiegel.de ergab zum aktuellen Pflegestreik keine Berichterstattung.* Lediglich zwei Texte zur Rechtmäßigkeit des Streiks in der Charité, sowie der Tatsache, dass überhaupt gestreikt wird, waren zu finden.
Ein kleiner Lichtblick bildet das Portal aerztezeitung.de. Dort findet man unter dem Begriff „Pflegestreik“, einige Artikel, die sich mit dem Thema beschäftigen.
Ach, Moment, auf faz.net gibt es doch noch diesen einen Artikel – der sich natürlich nicht mit dem Pflegestreik beschäftigt – aber zumindest Missstände in Pflegeheimen anprangert. Es geht um Übergriffe gegen Senioren. Ganz toll.
*Gesucht habe ich nach den Begriffen „Pflegestreik“, „Pflege“, sowie „Charité“.

Aber wie begann die ganze Geschichte des Pflegestreiks eigentlich?
Es ist natürlich ziemlich kompliziert, Jahre voll verpfuschter Politik und Sparprogramm auf Kosten der Patienten aufzuarbeiten, deshalb wähle ich für den Beginn meines Textes das Jahr 2013. Denn in diesem Jahr hat eine Leipzigerin eine Petition eingereicht, in der sie forderte, mehr Pflegepersonal einzustellen. Da die Petition über 100.000 Unterzeichner hatte, durfte Annett Kleischmantat, die diese Petition startete, ihr Anliegen vor Mitgliedern des Petitionsausschusses des Bundestags vortragen. Zwei Jahre lang wurde die Petition geprüft. Und so ziemlich exakt zwei Jahre später bekam Frau Kleischmantat einen Arschtritt Post. Die Petition wurde abgeschmettert. Das war vor rund 4 Monaten. Die ganze Aktion war vollkommen umsonst. Und wo wir zeitlich jetzt ohnehin im Jahr 2015 angekommen sind, fahren wir von Leipzig ein paar Kilometer weiter, nach Berlin, an die Charité. Die Gewerkschaft Verdi hat ihren Mitgliedern bis zum 5. Juni Zeit gegeben, über die Möglichkeit eines unbefristeten Streiks abzustimmen. Gestreikt werden soll für bessere Arbeitsbedingungen. In erster Linie wird schlicht und ergreifend mehr Personal benötigt, um die Anzahl an Pflegebedürftigen Personen stemmen zu können. Dieses Thema ist keinesfalls ein Problem, das nur die Charité betrifft. Im Gegenteil. Ich vermute mal, dass es kein Krankenhaus und auch kein Pflegeheim gibt, in dem ausreichend Personal angestellt ist, um rund um die Uhr eine ausreichende Betreuung für alle Patienten gewährleisten zu können.
Wie auf dieser Seite zu sehen ist, werden in Deutschland im Schnitt 10 Patienten von einer Pflegekraft versorgt. Die Arbeitszeit von Pflegekräften darf die regulären 8 Stunden pro Tag nur dann übersteigen, wenn innerhalb von 6 Monaten der Gesamtarbeitsdurchschnitt von 8 Stunden nicht überstiegen wird.

Betrachtet man also die reguläre Arbeitszeit von 8 Stunden, so heißt das, dass für 10 Patienten im Schnitt exakt 48 Minuten pro Patient bleiben. Gehen wir davon aus, dass am Tag 24 Stunden lang Personal zur Verfügung steht, so bekommt jeder Patient pro Tag 144 Minuten Zeit. Das sind zwei Stunden, und 24 Minuten. Pro Tag. Und das betrifft einen Querschnitt durch alle Patientengruppen. Unabhängig davon, wie intensiv die Betreuung eines Patienten aussieht. Das sind weniger als 10% des Tages, in denen ein Patient durchschnittlich versorgt werden kann. Dabei betrachten wir nur einen Durchschnitt durch die deutsche Pflege. Die Wahrheit sieht im Einzelfall allerdings nicht ganz so rosig aus. Bei unseren Berechnungen gehen wir vom optimalen Verhältnis von Arbeitszeit zur Anzahl der Patienten aus. Aber schlimmer geht es schließlich immer. Erfahrungsbericht gefällig? Einmal hier klicken, bitte. Reicht noch nicht, um ein Gefühl der Betroffenheit zu erzeugen, das eigentlich jeder fühlen müsste, der sich mit dem Thema beschäftigt? Okay, nächster Klick auf diesen Link. Und jetzt für die ganz trägen: Meine Beispielrechnung geht vorne und hinten nicht auf, denn selbst die 10 Patienten, die auf eine Pflegekraft kommen, sind maßlos untertrieben. Die Zahl könnten wir durchschnittlich verdoppeln. 8 Stunden Arbeitszeit? Ich lehne mich einfach mal aus dem Fenster und sage, dass diese Zahl höchstens auf dem Papier existiert. Irgendwie will ich gar nicht wissen, wie viel Zeit pro Patient in Wahrheit übrig bleibt.

Ein Grund für diese Probleme, ist der gute, alte Personalschlüssel. Wäre die Welt so einfach, wie ich sie gerne hätte, würde man auf jeder Pflegestation die Anzahl der Betten abzählen und dafür sorgen, dass jede Pflegekraft höchstens 4 dieser Betten zu betreuen hat. Intensivpflegebedürftige Stationen würden zwei Patienten mit einer Pflegekraft aufstellen. Die Welt ist leider ein bisschen komplizierter. Und in unserem Gesundheitswesen scheint es ja gang und gäbe zu sein, undurchsichtige Berechnungen anzustellen, um genau die Kosten zu drücken, die man nicht drücken sollte. Zum Thema Personalschlüssel hat der Pflege-Selbsthilfeverband einen wunderbaren Text veröffentlicht, an dem man den Berechnungswahnsinn in aller Ruhe und Ausführlichkeit nachvollziehen kann.

Mir fällt auf, dass ich ein paar Abschnitte weiter oben, eine Assoziationskette begonnen habe, die mich ein wenig vom eigentlichen Thema des Streiks weggeführt hat. Also, Verdi hat nach einer Abstimmung zum 5. Juni beschlossen, dass die Pflegekräfte an allen 3 Häusern der Charité in Streik treten. Das müsste auch der erste Streik von Pflegepersonal in der deutschen Geschichte sein. Zumindest wüsste ich so spontan nicht, wann das bisher bereits passiert sein könnte. Vielleicht hab‘ ich es wegen mangelnder Berichterstattung auch einfach nicht mitbekommen. Der Umstand, dass an der Charité gestreikt werden wird, war allerdings den meisten Medien durchaus noch eine Meldung wert. Über den weiteren Verlauf des Streiks wurde allerdings weitaus weniger berichtet. Seit dem 3. Juli ruhten die Streiks, zwecks neuer Verhandlungen.
Und wie ich eben bei Twitter erfahren habe, ist der Streik an der Charité tatsächlich der erste, für Gesundheitsschutz durch Personalbemessung:

Bisher hat man an der Charite mal 5 Tage für Mantel- & Entgeld-TV gestreikt. Redet man über den längsten Streik im Gesundheitswesen, dann war das ein 3 Monatiger Streik in den Alpenland Pflegeheime Berlin Ost. Ansonsten wird die Luft dünn, für Streiks im Pflegewesen (danke an @RainerRogge, für die Hinweise)

Wollen wir nun zum Abschluss nochmal aufzählen, was ein Mitarbeiter im Pflegedienst in diesen 144 Minuten pro Tag für die Patienten leisten muss? Mir würden da nämlich ein paar Dinge einfallen. Patienten in den Rollstuhl und wieder hinaus helfen, sie ins Badezimmer bringen, dort gegebenenfalls noch unterstützen, ihnen das Essen bringen, sie ggf. noch füttern, die kleineren und größeren Bedürfnisse nebenbei erfüllen, Spritzen geben, Infusionen anhängen und kontrollieren, Medikamente abgeben, angeordnete Untersuchungen durchführen, den Patienten zuhören und ihnen das Gefühl geben, dass sie trotz ihrer individuellen Situation weder eine Belastung, noch ganz alleine sind. Angehörigen erklären, wie es dem Patienten geht, fragen der selbigen verständlich beantworten. Eigene Launen ertragen, die Launen von Kollegen und Patienten erleben und verkraften, Patienten bei den Reha-Maßnahmen unterstützen. Und von der Intensivpflege fang‘ ich erst gar nicht an.
Ach, und noch so eine Kleinigkeit, die von vielen Leuten als Selbstverständlich hingenommen wird, es aber noch lange nicht ist: Den Patienten zuhören. Für einen Patienten da sein, wenn er sonst niemanden hat. Das alles jeden Tag, pro Patient, in weit weniger als 144 Minuten. Wir reden hierbei übrigens über die Pflegestufe II, die sogenannte „schwere Hilfsbedürftigkeit“. Eine angemessene Versorgung von Pflegestufe III (mindestens 5 Stunden Pflegebedarf pro Tag), sowie Pflegestufe 0 (schwerstkranke, Demenzkranke, psychisch, sowie physisch stark eingeschränkte Personen, die durchgehend Unterstützung bei der Bewältigung ihres Alltags benötigen), wird damit überhaupt nicht adäquat gewährleistet. Nebenbei mögen die Pflegerinnen und Pfleger während ihrer Arbeitszeit auch noch die Pflege organisieren, den Dienst planen, neue Arbeitskräfte anlernen, die Entlassung der Patienten vorbereiten und natürlich den ganzen Bums rundum dokumentieren.
Selbstverständlich erhebt die Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit, und darf jederzeit in den Kommentaren erweitert werden.

Reden wir noch darüber, dass Pflegekräfte unterbezahlt sind? Oder schwingt das zwischen den Zeilen mit? Dass Urlaubs- und Krankentage nicht voll ausgeschöpft werden können, weil das Personal ohnehin knapp ist und jeder Urlaubstag oder ungeplante Krankheitstag ohnehin einer zu viel ist? Reden wir noch darüber, dass man auch als Pflegekraft vielleicht irgendwann sowas abgefahrenes, wie eine Familie haben möchte, und diese ebenfalls Zeit beansprucht? Dass Schichtarbeit wirklich nicht gerade förderlich für die eigene Gesundheit ist?

Schneiden wir noch kurz die Folgen von überarbeitetem Personal an? Reden wir über die „banalen“ Probleme, wie z.B. gereizte Pflegekräfte, die sich nach dem Feierabend sehnen und sich vor der Arbeit fürchten? Oder gehen wir eine Stufe weiter, zu Patienten, die nicht mehr ausreichend betreut und rehabilitiert werden können, weil einfach keine Zeit mehr da ist? Patienten, die fixiert werden müssen, weil niemand gewährleisten kann, dass selbige in der Zeit, in der sie ohne Aufsicht sind, nicht stürzen oder sich anderweitig verletzen? Werfen wir ein, dass viele Pflegekräfte nach ein paar Jahren aufgeben, nur noch als Teilzeitkraft arbeiten oder nach einigen Jahren so am Ende sind, dass sie dauerhaft erwerbsunfähig werden? Oder drehen wir direkt auf und sprechen über die schlimmsten Folgen: Tote Patienten, weil einfach ausgebildetes Personal fehlt, das eine ausreichende Betreuung gewährleisten kann?

Jetzt haben wir ja ziemlich ausführlich über die Gegenwart gesprochen. Lust auf einen Ausblick in die Zukunft? Für eine Zahlenspielerei zum Thema Bevölkerungswachstum in den nächsten 15 Jahren und der betreffenden Bedarfsplanung für Ärzte und Pflegepersonal, bitte hier entlang.

Wer noch ein wenig mehr über den Streik an der Charité erfahren will, der schaue beim Tagesspiegel vorbei, der sich tatsächlich noch ein wenig mit dem Thema beschäftigt. Es gibt natürlich auch einen Blog zum Streik an der Charité.
Auf allgemeine Missstände aufmerksam, macht die Seite pflege-am-boden.de.
Wer ein wenig aus dem Leben von Pflegekräften erfahren will, der sei auf diesen Blog verwiesen, oder auf diesen hier, oder auf diesen. Und last but not least auf diesen hier. RDPfleger schreibt ebenfalls darüber, wieso der Pflegestreik so wichtig ist. Hier gibt es noch einen weiteren Blog. Wer noch weitere Blogs zu dem Thema parat hat: Bitte in die Kommentare damit, ich sammle doch so gerne neue Blogs 😀

Nun stellt sich nur noch eine Frage: Wie ändern wir diese Situation? Die Antwort auf diese Frage findet sich nur, wenn man endlich einen breiten Dialog zu dem Thema anregt, und es nicht einfach ignoriert, wie es zurzeit in den größten Medien der Fall zu sein scheint.
Denn eine Sache ist sicher:
Wenn sich an der momentanen Situation der Pflegekräfte nichts ändert, ist die beste Pflegevorsorge eine geladene Schusswaffe im Haus.

Nachtrag: Nach einigen interessanten Diskussionen, wird es Zeit, weitere Probleme der Pflegeberufe aufzugreifen und darüber zu reden, wie man es geschafft hat, eine ganze Branche Schritt für Schritt zu versauen. Das größte Problem scheint eine Gratismentalität zu sein, wie man sie sonst nur von Internet-Pornoseiten kennt. Man möchte am liebsten alles haben, aber nichts dafür bezahlen. Mein Jahrgang gehört zum ersten und letzten Jahrgang, der zwar noch gemustert wurde, aber weder zur Wehrpflicht, noch zum Zivildienst eingezogen wurde. Mit dem Wegfall der Wehrpflicht fielen gleichzeitig auch die Zivildienstleistenden weg, die einen Eckpfeiler der Pflege gebildet haben. Der Bundesfreiwilligendienst, der ersatzweise eingeführt wurde, erwies sich auch als Schuss in den Ofen. Oder geben sich diese Bufdis aufgrund ihrer schieren Masse bei jemandem auf der Station die Klinke in die Hand? Diejenigen, die ein Freiwilliges soziales Jahr in der Pflege einlegen, dürften noch rarer gesät sein, als die Bufdis es sind. Vermutlich werden diese Kräfte auch noch so derartig desillusioniert, dass sie nie wieder einen Fuß in eine Pflegestation setzen.
Was haben Zivis, Bufdis und FSJ’ler gemeinsam? Die „Ausbildung“ ist lachhaft. Genau wie die „Bezahlung“. Und trotz diverser Stimmen, die damals beim Wegfall der Wehrpflicht prophezeiten, dass die Pflegekräfte ohne Ende überlastet wären, hat man nichts unternommen, um diesen Trend aufzuhalten. Man will kein Geld für die Pflege ausgeben. Das zeichnet sich auch in der Ausbildung der Pflegenden ab: Die Ausbildungskosten kann der Ausbildungsbetrieb direkt übernehmen. Das ist meistens der Fall, wenn ein Krankenhaus oder eine andere, öffentliche Einrichtung eine solche Stelle ausschreibt. In diesem Fall werden den Auszubildenden die Kosten ihrer Ausbildung, sowie ein (Hunger)Lohn erstattet. Nun habe ich keine genauen Zahlen, aber ich vermute mal, die Anzahl dieser Ausbildungsstellen ist relativ begrenzt, wenn man ohnehin versucht, kein Geld für Pflegepersonal auszugeben.
Deshalb gibt es auch eine andere Option, um eine Ausbildung in der Pflege anstreben zu können. Man geht zu einer privaten Einrichtung und lässt sich dort ausbilden. Der Nachteil an der Sache ist allerdings, dass in solchen Fällen die Ausbildungskosten meist komplett vom Auszubildenden übernommen werden müssen. An Gehalt ist meistens auch nicht zu denken.
Eine mögliche Problemlösung wäre die Übernahme der Ausbildungskosten von staatlicher Seite. Woher das Geld dafür kommen soll, weiß ich nicht, es ist mir auch wirklich egal. Eine Idee hätte ich allerdings: Bekämen Pflegekräfte anständige Löhne gezahlt, würde ich vielleicht einen Gedanken daran verschwenden, dass sie ihre Ausbildungskosten zu einem gewissen Prozentsatz zurückzahlen könnten. Aber daran ist ja wirklich nicht zu denken, bevor sich die Situation der Pflegekräfte nicht grundlegend geändert hat. Ein kleiner Teufelskreis.

Ein weiteres, riesiges Problem, das ebenfalls die Finanzierung (in diesem Fall die Finanzierung von ausgebildeten Pflegekräften) betrifft, ist die Minutenpflege, sowie die Pflegeversicherung. Reden wir mal darüber. Die Minutenpflege bedeutet, dass für jede Tätigkeit, die eine Pflegekraft ausübt, ein Zeitfenster vorgegeben wird. Dabei geht man davon aus, dass Pflegepersonal und Pflegebedürftige mit größtmöglicher Effizienz arbeiten. Es ist tatsächlich nichts anderes als Arbeit, da in den standardisierten Vorgaben tatsächlich nur solche Tätigkeiten aufgeführt sind, die dazu führen, dass der Pflegebedürftige satt, gewaschen und einigermaßen sauber ist. Dass viele Probleme bei Pflegebedürftigen Menschen auch durch die Psyche ausgelöst werden (sei es Demenz, Depression oder schlicht die Einsamkeit) wird bisher nicht beachtet. Nun soll in zwei Jahren eine Reform in der Minutenpflege, sowie der Einteilung der Pflegestufen stattfinden. Bisher gab es drei reguläre Pflegestufen, sowie eine „Sonderpflegestufe“ für Menschen, die z.B. eine Demenzerkrankung, oder anderweitig psychische, oder stark physische Einschränkungen zeigen. Nun soll es mit der Reform im Jahr 2017 fünf Pflegestufen geben, die ebenfalls psychosoziale Probleme miteinbeziehen. So soll es möglich sein, individueller auf die Bedürfnisse der Pflegebedürftigen einzugehen. Für die Reform dieses Pflegesystems wird es auch allerhöchste Zeit. Um ehrlich zu sein ist diese Reform so dringend nötig, dass sie besser gestern als morgen zum Einsatz kommt. Denn je nach Pflegestufe gibt’s von der Pflegeversicherung Geld. Um einzuschätzen, in welche Pflegestufe jemand fällt, wird ein Gutachter beauftragt. Dessen oberstes Ziel ist es, festzustellen, welche Beeinträchtigungen vorliegen. Daraus wird die tägliche Pflegezeit ermittelt und die Einteilung in eine Pflegestufe findet statt. Wie eben schon erwähnt, ist in dieser Einteilung erstmal kein Platz für „Nebensächlichkeiten“ wie z.B. Zuwendung, oder Gespräche. Das ist relativ desaströs, da die Einteilung in die jeweilige Pflegestufe eben gleichzeitig festlegt, wie viel Geld es für die Pflege der entsprechenden Person überhaupt gibt. Eines der größten Probleme mit der Pflegeversicherung ist, dass sie nur bis zu einem festgelegten Höchstbetrag greift. Anschließend zahlt man selbst, sofern keine private Pflege-Zusatzversicherung abgeschlossen wird. Insbesondere für Menschen, die ihre Angehörigen Privat pflegen, oder eine externe Pflegekraft einstellen, ist die Pflegestufe extrem wichtig, um die eigenen Kosten und eventuellen Verdienstausfälle (z.B. durch Jobaufgabe) zu decken. Eine zu niedrige Pflegestufe kann hier schnell eine Existenzkrise bedeuten.
Für Menschen, die vollstationär gepflegt werden, bedeutet das, dass die Versicherung eine monatliche Pauschale an die jeweilige Pflegeeinrichtung zahlt. Auch hier wirkt sich eine falsch gewählte Pflegestufe negativ aus. Unterbesetztes Personal wird gezwungen, mehr Zeit als vorgesehen für die Pflege einzelner Personen zu verwenden. Zeit, die nicht bezahlt wird.

Dass sich im Land über den Pflegestreik prinzipiell eher ausgeschwiegen wird, hat wohl einen einfachen, aber dennoch traurigen Grund. Pflegeberufe fristen ein Dasein am Rand der Gesellschaft. Seien wir ehrlich, man spricht mit Pflegekräften einfach nicht über ihren Job. Das kann zum einen daran liegen, dass er von vielen Menschen als Banal, von anderen vielleicht auch als „Ekelig“ angesehen wird. Ich persönlich würde aber lieber einen halbwegs philosophischen Ansatz sehen: Pflegekräfte führen uns unweigerlich vor Augen, dass wir nicht für immer jung und gesund sein werden. Sie zeigen uns, dass wir alle vergänglich sind. Und sie zeigen uns, dass es uns jederzeit erwischen kann. Hier ein kleiner Ausflug in meine Zeit im Krankenhaus:

Ich bin stolzer Besitzer eines Fachabiturs in Informatik. Das heißt, ich ging 12 Jahre zur Schule und absolvierte in der 11. Klasse parallel dazu noch ein Jahrespraktikum. Mich hat es da in ein Krankenhaus verschlagen. Da regelmäßig die Elektronik auf den Stationen den Geist aufgegeben hat, war ich in diesem einen Jahr praktisch nur auf diversen Stationen unterwegs. Egal ob Neurologie, Psychiatrie, Intensivstation, Schockraum, ich war überall. Und irgendwann kommt man dann natürlich mit den Schwestern ins Gespräch. Eines dieser Gespräche blieb mir besonders in Erinnerung. Ich war auf der Intensivstation und meldete mich im Schwesternzimmer. Eine der Schwestern verwies mich auf einen großen Raum, schräg gegenüber. In meiner Erinnerung ist der Raum relativ groß gewesen, wurde aber durch diverse Stellwände in einzelne Parzellen unterteilt. Nahe der Fenster standen zwei Betten, an denen eine Schwester am Werkeln war. Sie schien wohl auf mich zu warten (ich glaube, ein Monitor hatte ‚nen Knacks weg und ich sollte ihn Tauschen, ich bin mir aber nicht mehr sicher). Während ich also meinen Job machte, tat sie ihren. Ich hab‘ mich bemüht, mich nur auf meine Arbeit zu konzentrieren, und nicht auf die beiden Männer in den Betten neben mir zu starren. Keine Ahnung ob ich schüchtern war, oder pietätvoll sein wollte. Vermutlich war mir die Situation nur unangenehm. Irgendwann waren wir aber beide fertig mit unserer Arbeit und kamen nochmal kurz ins Gespräch. Ich will euch die Details ersparen, aber die Geschichte der beiden Männer war folgende: Vater und Sohn. Der Vater war wohl um die 60, der Sohn knapp 20. Beide waren im Auto unterwegs, nicht angeschnallt, es kam zu einem Unfall. Die Prognose für den Vater war vorsichtig positiv, beim Sohn sah die Sache allerdings anders aus. Folgender Satz blieb mir besonders in Erinnerung: „Ganz ehrlich? Ich hoffe, der Junge wacht nicht mehr auf. Der Tod ist besser als das, was ihn beim Aufwachen erwartet“.
Wahrscheinlich ist mir diese Begebenheit nur deshalb im Gedächtnis geblieben, weil ich vorher immer dachte, zu leben sei prinzipiell die bessere Alternative. Wenn mir schon ein Erlebnis, das 5 Jahre zurück liegt, so im Gedächtnis bleibt, will ich gar nicht wissen, was Pflegekräfte so alles mit sich rumschleppen.
(Keine Ahnung, warum ich das jetzt erzählt habe, aber ich bin mir sicher, ich hab‘ mir unterbewusst wohl irgendwas dabei gedacht)

Umso beeindruckender ist, dass eine Berufsgruppe, die eigentlich von uns allen mit Handkuss bedacht werden sollte, selbst in der Politik nicht verstanden wird. In den Kommentaren dieses Artikels, findet man einen Link zu diesem Text. In den Kommentaren dazu, findet sich ein Link zu einer Forderung eines Politikers, welcher der Meinung ist, es sei eine gute Idee, Flüchtlinge als Pflegepersonal einzusetzen. Keine dementsprechend ausgebildeten Flüchtlinge, sondern einfach Flüchtlinge. Wir haben das Thema in besagten Kommentaren ein wenig angeschnitten, weshalb ich mal nicht genauer darauf eingehe.

Ach, noch was: Wenn ihr dem Pflegepersonal mal für seine Arbeit danken wollt, dann sind ein paar Euro für die Kaffeekasse immer willkommen. Was viele auch gerne mögen, ist eine kleine Auswahl an Schokolade, oder sonstige, kleine Snacks!
Kleiner Nachtrag: Wie Onyx in den Kommentaren erklärt, sind Geldspenden immer problematisch, da sie eigentlich als „offizielle Spende“ an den Arbeitgeber gemeldet werden müssen. Ich würde sagen, Sachspenden sind da die sicherere Variante. Und Liebe geht ja ohnehin durch den Magen. 🙂

An dieser Stelle möchte ich auch noch auf eine Eigenart hinweisen, die viele Personen in der Pflege entwickelt haben: Einen ziemlich makabren Humor. Der kann auf Außenstehende durchaus befremdlich wirken (insbesondere, wenn man ihn zum ersten Mal hört). Oft ist dieser Humor allerdings die einzige Möglichkeit, nicht am Tod zu zerbrechen, mit dem man dort jeden Tag konfrontiert wird. Natürlich verdienen die Mitarbeiter einen gehörigen Anschiss, wenn ihnen solche Sprüche im Beisein der Angehörigen rausrutschen, aber man sollte im allgemeinen wegen dieses Humors nicht schlechter von ihnen denken.

Basierend auf diesem Blogbeitrag hat Stefan vom Pflegewecker einen Post verfasst, der sich einigen Punkten annimmt, die ich hier nicht aufgeführt habe. Diese Lektüre ist auf jeden Fall Pflicht!

Zum Abschluss habe ich noch eine Bitte: Ihr arbeitet in der Pflege? Ihr kennt jemanden, der dort arbeitet? Ihr wart/seid selbst auf Pflege angewiesen? Ihr kennt jemanden, der auf Pflege angewiesen ist/war? Erzählt mir davon. Erzählt mir von dem, was in diesem Zusammenhang euren Alltag bestimmt hat. Auf Twitter habe ich bereits einen kleinen Einblick bekommen, aber 140 Zeichen reichen leider nicht, um so ein Thema zu beschreiben. Also fühlt euch eingeladen, eure Gedanken in den Kommentaren zu hinterlassen.

(An der Stelle sei nur eine Kleinigkeit erwähnt: Der erste Kommentar, den ihr auf diesem Blog hinterlasst, muss von mir manuell freigeschaltet werden. Je nach dem, wann ihr kommentiert, kann das relativ zeitnah passieren, oder auch ein paar Stunden dauern. Im Zweifelsfall braucht ihr also eventuell ein wenig Geduld, aber keine Sorge, niemand wird übersehen (hoffentlich). Nach der Freischaltung könnt ihr dann frei von der Leber weg kommentieren)

20 Kommentare zu “Über den Pflegestreik

    1. Wow, Tatsache! Hoffentlich ist das nur ein Anfang und die anderen Medien ziehen nach.
      Was für ein schöner Artikel. Ich nehme den mal mit in die Sammlung am Ende von meinem

  1. Bin seit 22 Jahren, bin physisch und psychisch am Ende…..der Versuch mittels Reha an eine Umschulung zu kommen ist gescheitert, trotz eindeutiger Empfehlung der Reha-Klinik. Mach jetzt ambulante Intensivpflege mit reduzierter Arbeitszeit, verdiene 1300 netto…..könnte ohne Ende weiter berichten, merke nur gerade, wie sich mir der Hals zuschnürt. Bei Interesse gerne mehr Infos per Mail.

  2. Großartiger Artikel. Lesen, weiterverbreiten! Solange Medien das Thema weiter versäumen und ignorieren, müssen dann wir eben anstoßen und treten.

    Ein paar Erfahrungsberichte aus meinem Alltag? Gern.

    https://onyxgedankensalat.wordpress.com/2013/10/01/chemische-fixierung-alltag-in-pflegeheimen/

    https://onyxgedankensalat.wordpress.com/2015/01/16/wenn-zufall-gluck-und-ein-paar-sekunden-uber-leben-oder-tod-entscheidend-sind/

    https://onyxgedankensalat.wordpress.com/2013/02/18/one-way-ticket-von-der-letzten-reise-des-lebens-von-der-es-kein-zuruck-gibt/

    Auch sehenswert. Ein Klassiker. Domian und die Pflegerin Emily https://www.youtube.com/watch?v=1o5RU3DI3ng

    1. Sehr schön, dazu gibt’s gleich noch einen neuen Pflege-Blog. Das freut mich. Die Lektüre für den heutigen Abend wird mir sicher nicht ausgehen

        1. Och du, ich nehme das nicht so eng. Dann schreibst du halt einen Blog mit Pflegeanteil 🙂
          Sehr schön, noch mehr zu dem Thema, das freut mich!

  3. Lieber Sebastian!
    Schöner Artikel, etwas andere Herangehensweise, das finde ich sehr gut! Über den Streik an der Charitè berichten z.B. wir als AG junge Pflege des DBfK Nordost auf unserem gleichnamigen Blog. Wenn du möchtest, kannst du das natürlich gerne verlinken.
    Zu deiner Frage nach den Erfahrungen: ich kann nach mittlerweile 12 Jahren in der Pflege sagen, dass es eben unterschiedliche Umgangsweisen mit den Problemen, die du angesprochen hast, gibt. Ich denke man stumpft bei vielen Tätigkeiten (emotional) ab, hört eben NICHT mehr richtig den Patienten zu, wird nachlässig, regelrecht lustlos usw. Ich orientiere mich inzwischen auch um und studiere, da ich mir sicher bin, in dem Job nicht bis zur Rente durchzuhalten…wenn du gerne mehr erfahren möchtest, sprich mich einfach per Mail an.
    LG aus Berlin

  4. Liebe Stefanie,
    ich schätze, es ist dieser Blog, den du meinst? https://jungepflegenordost.wordpress.com/
    Auf den verlinke ich mit Freude.

    Vermutlich ist die Abstumpfung wohl die einzige Reaktion, die man auf die derzeitige Situation zeigen kann, wenn man nicht selbst daran zugrunde gehen will. Im Moment höre ich auch bei vielen anderen Pflegekräften raus, dass sie sich langsam aber sicher in eine andere Richtung orientieren.
    Ich werde Dir auf jeden Fall ebenfalls eine E-Mail schreiben

  5. Eine kurze Zusammenfassung. Zum kreativen schreiben bin ich einfach zu müde:
    5Jahre examiniert, nach 1,5 Jahren Burn Out (dachte, dies bekommen immer nur die anderen)
    Nachts alleine für „reguläre“ 32Patienten.
    Von 20 Leute aus meinem Examenskurs haben sich 10 neu orientiert. Die anderen 10 haben reduziert, Kinder bekommen oder nen Studium dran gehängt…!!!!!
    Von dem, was ich gelernt hab, wende ich max. 20-30% meines Könnens/Wissens an.
    Ich muss immer lachen, wenn mir Makler ne Pflegeversicherung verkaufen wollen. Ich hab dann immer Tränen in den Augen und Bauchschmerzen vor lauter lachen…
    Fazit: Fucking my life to help you

    Grüße aus Mainz

    1. Ich muss sagen, diese prägnante Zusammenfassung hat was. Insbesondere zeichnet sich so langsam ein Bild ab. Bisher hat so ziemlich jeder, mit dem ich über das Thema gesprochen habe, ähnliche Geschichten erzählt, wie du es eben angeschnitten hast. Insbesondere die Anzahl derer, die in deinem Examenskurs den Pflegeberuf an den Nagel gehängt, bzw. reduziert haben, ist interessant und trifft anscheinend auf so ziemlich auf jede Pflegekraft zu , mit der ich bisher gesprochen habe.
      Auch Dir danke, für deinen kurzen, aber prägnanten Einblick

  6. Dein Blog ist super gemacht, mir gefällt dass Du das Thema aus mehreren Perspektiven angehst.
    Als Pflegefosil das seit 40 Jahren den Wahnsinn im Gesundheitswesen und die menschenverachtende Gesundheitspolitische erlebt ,bin ich gerne bereit Dir per Mail einiges zu berichten

  7. Ich hab’s vorhin schon kurz getwittert: Jeder bekommt von mir noch eine E-Mail. Ich bin sehr an euren Geschichten interessiert. Dummerweise spinnt mein Blockblogs.de E-Mail-Konto. Wenn das behoben ist, bekommt ihr die Nachrichten. Noch ein wenig Geduld.
    Wer möchte, kann mir allerdings gerne eine Geschichte erzählen, die er/sie in der Pflege erlebt hat und diese an Sebastian@Blockblogs.de schicken. E-Mails empfangen, kann ich nämlich noch.

  8. „Ach, noch was: Wenn ihr dem Pflegepersonal mal für seine Arbeit danken wollt, dann sind ein paar Euro für die Kaffeekasse immer willkommen. Was viele auch gerne mögen, ist eine kleine Auswahl an Schokolade, oder sonstige, kleine Snacks!“

    Dazu muß ich sagen, dass wir keinerlei Geldbeträge „für die Kaffeekasse“ annehmen dürfen, sondern das als „offizielle Spende“ an den Arbeitgeber melden müssen. Begründung: Es könnte als Bestechung gewertet werden.
    Macht natürlich keiner. Wer ist denn so blöd, ein Dankeschön für die eigene geleistete Arbeit an die Vorstandsetage weiterzugeben? Viele der Angehörigen verstehen das nicht. Die wollen sich einfach in Form eines „Trinkgeldes“ für unsere Arbeit bedanken, nachdem jemand gestorben, oder eine Kurzzeitpflege wieder ausgezogen ist. Um die nun nicht vor den Kopf zu stoßen, sagen wir einfach auch, dass Dankeschöns in Form von Kaffee, Schokolade oder sonstigen Aufmerksamkeiten immer gern gesehen sind.

    „An dieser Stelle möchte ich auch noch auf eine Eigenart hinweisen, die viele Personen in der Pflege entwickelt haben: Einen ziemlich makabren Humor. Der kann auf Außenstehende durchaus befremdlich wirken (insbesondere, wenn man ihn zum ersten Mal hört). Oft ist dieser Humor allerdings die einzige Möglichkeit, nicht am Tod zu zerbrechen, mit dem man dort jeden Tag konfrontiert wird. Natürlich verdienen die Mitarbeiter einen gehörigen Anschiss, wenn ihnen solche Sprüche im Beisein der Angehörigen rausrutschen, aber man sollte im allgemeinen wegen dieses Humors nicht schlechter von ihnen denken.“

    Stimmt.

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