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Mehr Impfnebenwirkungen als bisher bekannt? Nicht mit dieser WELT-Analyse

Werden Corona Impfnebenwirkungen systematisch untererfasst? In den vergangenen Monaten sind in der WELT immer wieder „investigative“ Artikel über die diversen Facetten der Pandemie erschienen. Im neuersten Schmankerl soll nun die Quote der Impfnebenwirkungen höher liegen, als vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) angegeben. Eine Analyse

Das Corona-SEK der WELT schwingt sich wieder zu neuen Höchstleistungen auf. Das Trio bestehend aus Bodderas, Lübberding und Röhn veröffentlicht einen Artikel, der auf ein großes Problem mit den Impfstoffen gegen Corona hinweist und mich dazu getrieben hat, ein Probeabo der WELT abzuschließen, um an den Artikel zu gelangen, der so eingeleitet wird:

Eine Analyse von Millionen Versichertendaten der Betriebskrankenkassen BKK kommt bei den Nebenwirkungen auf erheblich höhere Zahlen als das Paul-Ehrlich-Institut. Die neuen Daten seien ein „Alarmsignal“, sagt BKK-Vorstand Andreas Schöfbeck.

Das klingt ja ernst. So ernst, dass Schöfbeck am 21.2.2022 einen Brief an das PEI schrieb, in dem die angebliche Untererfassung von Impfnebenwirkungen moniert wird. So käme die Analyse, die Schöfbeck hat vornehmen lassen, doch auf eine Nebenwirkungsquote von 2 – 2,3%, anstelle der vom PEI berechneten 0.3%. Als Basis dieser Analyse wird eine Hochrechnung verwendet, die aus der Stichprobe von rund 11 Millionen Versicherten der BKK entnommen sein soll. Sein Anliegen war Schöfbeck so ernst, dass er vom PEI eine Antwort bis zum 22.2.2022 erbat, und sich nun – am 23.2.2022 – seine Analyse bereits prominent im Artikel der WELT findet. Als Quellenangabe im Artikel finden sich lediglich zwei Seiten, von denen eine aus einem Deckblatt und die andere aus einem Dreisatz besteht. Eine genaue Aufstellung der anonymisierten Daten war leider nicht zu finden.

Was wurde erfasst?

Zum Glück wird im Fließtext die weitere Methodik erklärt. Ausgewertet hat man die Meldungen an die Krankenkassen anhand von vier ICD-10 Codes, mit denen Krankenkassen Krankheiten, Befunde, Symptome, Nebenwirkungen, Beschwerden, Ursachen usw. erfassen und abrechnen. Für die Analyse wurden folgende Codes verwendet:

T88.0: (lokale) Infektion nach Impfung
T88.1: Sonstige Komplikationen nach Impfung
U12.9: Nicht näher klassifizierte Nebenwirkung nach COVID-Impfstoff
Y59.9: Nicht näher klassifizierte Nebenwirkung nach biolog. aktiver Substanz

Wenn es einen ICD-10-Code gibt, mit dem speziell die Nebenwirkungen im Anschluss an eine Coronaimpfung abgerechnet werden, wieso sucht man dann explizit nach weiteren Abrechnungscodes? Zwar gibt die zweiseitige Quelle an, Impfstoffnebenwirkungen herausgerechnet haben zu wollen, die nichts mit Corona zu tun hatten, dieser Schritt wäre aber nicht nötig gewesen, hätte man ausschließlich nach U12.9 gesucht. Zwar wurde dieser Code erst im April 2021 eingeführt, eine Auswertung von diesem Zeitpunkt an hätte hier allerdings Rechnerei erspart und die Daten robuster gemacht.

Dass die Auswertung prinzipiell keine Aussagen zur Art der Nebenwirkungen zulässt, gibt Schöfbeck im WELT-Artikel ebenfalls zu erkennen. Zitiert wird er allerdings noch mit einem weiteren Satz:

Klar ist nur: Es ist den Leuten so schlecht gegangen, dass sie zum Arzt gegangen sind.

Was wurde nicht erfasst?

An der Stelle möchte ich kurz ein wenig ins Detail gehen. Der genaue Code lautet U12.9!. Das Ausrufezeichen dient zur Kennzeichnung einer Diagnose, die nicht alleinstehen kann, sondern durch weitere Codes eingegrenzt werden muss. Das „Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland“ kennt da so einige Codes, die dafür dienlich wären:

D69.58: Thrombozytopenie nach Impfung
G04.8: Myelitis nach Impfung
G08: Hirnvenenthrombose
G61.0: Guillain-Barré-Syndrom
I63.8: Sonstiger Hirninfarkt
L50.0: Allergische Urtikaria nach Impfung

Die Liste ist nur eine kleine Auswahl bekannter Codes. Warum wurde lediglich nach U12.9 gesucht? Dies ist zwar eine Grundgesamtheit aller abgerechneten Fälle, schmeißt aber erneut alle Nebenwirkungen und Komplikationen in einen Topf. Wer also zum Arzt geht, weil es ihm „so schlecht gegangen [ist]“, tat dies vielleicht einfach nur, um sich einen gelben Schein abzuholen, weil er infolge seiner Impfung den entsprechenden Arm nicht belasten konnte, oder für 48 Stunden Erkältungssymptome exprimiert hat.

Wer vom PEI eine schnelle Antwort erwartet, „Da Gefahr für das Leben von Menschen nicht ausgeschlossen werden kann“, hätte bei der Analytik definitiv um einiges gründlicher vorgehen können.

Was sollte erfasst werden?

Nun stellt sich die Frage, woher kommt diese Diskrepanz zwischen den Meldungen an das PEI und den Datenerfassungen der Stichprobe der BKK? Sowohl im Brief an das PEI, als auch im WELT-Artikel wird Schöfbeck ähnlich zitiert:

Ärzte werden für die Meldung von Impfnebenwirkungen nicht bezahlt. Gleichzeitig ist dieser Vorgang sehr zeitintensiv. Es ist schlicht unmöglich, alles zu melden

Die Unterstellung, Ärzte melden Nebenwirkungen nicht, weil sie dafür nicht bezahlt würden, halte ich für eine Frechheit. Insbesondere wenn man bedenkt, dass Ärzte verpflichtet sind, Komplikationen, die über das Maß einer normalen Impfreaktion hinausgehen, an das PEI zu melden. Für mich persönlich stellt sich die Frage, welche Nebenwirkungen dem PEI gemeldet werden sollten, um einiges dringender. Ich für meinen Teil ziehe aus der Information, wie viele Menschen nach der Impfung aufgrund von Kopfschmerzen, Armschmerzen, Erkältungssymptomen oder einer allgemeinen Abgeschlagenheit für ein paar Tage krankgeschrieben wurden, keinen großen Nutzen. Wichtiger ist für mich die Frage nach dem Anteil an Komplikationen (nicht Nebenwirkungen) nach der Impfung.

Meine Impfentscheidung basiert nicht auf der Frage, ob ich meinen linken Arm für 2 Tage nicht heben und keine schweren Gegenstände tragen kann. Sie kommt für mich zustande, indem ich betrachte, wie hoch die Risiken für Komplikationen sind, die die Lebensqualität langfristig (also über Wochen hinweg) und im schlimmsten Fall sogar irreversibel einschränken. So wie eine Hirnvenenthrombose oder das Guillain-Barré-Syndrom. Um die Frage zu beantworten, ob hier also eine Untererfassung dieser Daten durch das PEI und die meldenden Ärzte vorliegt, wäre es unabdingbar gewesen, eine weitere Aufschlüsselung der Daten vorzunehmen und mit dem PEI abzugleichen. Denn das Ärzte nicht jede zweitägige Krankschreibung dem PEI melden, ist für mich keine Neuigkeit und keine Notwendigkeit.

Auf die Frage, warum dieser Abgleich aber nicht stattgefunden hat, fallen mir nur zwei Antworten ein: Es war nicht geplant oder die Ergebnisse hätten sich nicht für einen Artikel der WELT geeignet.

Statistische Analyse? Fehlanzeige

Zudem stellt sich die Frage, ob die errechnete Diskrepanz von etwa 2% überhaupt realistisch ist. Ist die Impfquote der Stichprobe mit der Gesamtbevölkerung vergleichbar? Auch hat man in der Analyse konsequent nur die Patienten gezählt, die vorstellig wurden, nicht aber die Häufigkeit, mit der sie den Arzt konsultiert haben. Eine solche Analyse würde ebenfalls Aufschluss über die Schwere der Nebenwirkungen geben. Auf diese und weitere Fragen wird sich die Antwort erst finden lassen, wenn die BKK (oder eine andere Krankenkasse) Daten für eine detailliertere Auswertung zur Verfügung stellt. Wenn schon nicht öffentlich, dann wenigstens ausgewiesenen Experten.

So schlimm scheinen die Impfnebenwirkungen übrigens auch nicht zu sein, so gibt der BKK-Dachverband in einer Pressemeldung vom 2.2.2022 die Information heraus, dass der Krankenstand unter seinen 4 Millionen arbeitstätigen Versicherten 2021 weiter gesunken sei.
Spannend bleibt zudem, was der BKK-Dachverband zu dieser Analyse zu sagen hat. Lars Wienand von T-Online hat bereits angefragt

 

Nachtrag 24.2.2022:

Der BKK-Dachverband hat am 24.2.2022 auf Twitter folgende Stellungnahme veröffentlicht, wonach die Daten nicht vom BKK-Dachverband stammen

 

 

Laut Co-Autor des WELT-Artikels, Tim Röhn, sollen die Daten von einem IT-Dienstleister aus Essen erfasst worden sein, der nicht näher bezeichnet ist. Einer der fraglichen Dienstleister ist BITMARCK, die ihre Beteiligung an der Studie dementieren