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Aids durch Corona oder lieber durch die Impfung? Desinformationen auf beiden Seiten

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Auf Twitter kursiert zur Zeit der Vergleich zwischen SARS-CoV-2 und Aids. Verschwörungstheoretiker ziehen einen ähnlichen Vergleich. Aber was ist an diesen Gerüchten dran?

 

Ich muss wirklich weniger Zeit auf Twitter verbringen. Innerhalb der letzten Tage sind mir zwei Beiträge begegnet, in denen sowohl Verschwörungstheoretiker, als auch ihre Gegenstücke, die Twitter-Panik-Bubble, dasselbe Gerücht aus unterschiedlichen Blickwinkeln verbreitet haben. SARS-CoV-2 soll Aids auslösen. Verschwörungstheoretiker machen die Impfung verantwortlich, die anderen sehen in der Infektion den Schuldigen. Und beide sind unsagbar nervtötend.

Aids nach der Infektion?

Seit dem Auftreten von SARS weiß man, dass im Krankheitsverlauf die Zahl der T-Zellen zu Beginn abnimmt. Eine Arbeitshypothese lautet, dass die Infektion die T-Zellen schneller reifen, und damit auch schneller absterben lässt, so dass auf dem Höhepunkt der Erkrankung die Zahl der T-Zellen zu niedrig für eine effiziente Bekämpfung ist. Besonders in Risikogruppen könnte dies ein weiterer Erklärungsansatz für die gesteigerte Krankheitsschwere sein.

Aber, eine reduzierte T-Zell-Aktivität ist kein Aids. HIV löst in Patienten, die nicht behandelt werden, letztendlich Aids aus. Nochmal: HIV verursacht Aids. Nur HIV. Nichts anderes. Und wenn ich mir den kurzen Einwurf erlauben darf, dass ich sowas überhaupt schreiben muss, ist eine Bankrotterklärung der Wissenschaftskommunikation. Von Verschwörungstheoretikern bin ich solche angstschürenden Aussagen gewohnt, aber wenn es nun wirklich Mediziner gibt, die diesen Zusammenhang herstellen und verbreiten, dann haben wir den Punkt erreicht, an dem sich beide Seiten im Alarmismus und der bewussten Falschdarstellung nicht mehr unterscheiden.

SARS-CoV-2 könnte sich von HIV nicht stärker unterscheiden. Ja, beide Krankheitsverläufe sind mit einer Abnahme der T-Zell-Aktivität verbunden. Aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit. Wie bereits im Beitrag über die HIV-Impfung beschrieben, setzen sich HI-Viren in Immunzellen fest, vermehren sich dort und befallen weitere Zellen, bis letztendlich beinahe keine gesunden Immunzellen mehr verbleiben, die Infektionen erkennen und bekämpfen könnten. Dieser Zustand wird als AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) bezeichnet.

SARS-CoV-2 vermehrt sich nicht in Immunzellen. Die Abnahme der T-Zell Aktivität ist temporär und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie nach der Infektion anhält, geschweige denn den Rest des Immunsystems in einem auch nur ansatzweise ähnlichen Ausmaß befällt, wie es HIV tut.

Der Vergleich zwischen Corona und AIDS ist also nicht nur falsch, sondern auch absolut unangemessen, insbesondere wenn man die sozialen Stigmata, die mit einer HIV-Infektion einhergehen bedenkt. Der jahrzehntelange Kampf gegen HIV darf unter keinen Umständen bagatellisiert werden, nur damit Menschen auf Twitter ihrer eigenen Peer-Group nochmal zeigen können, wie geil sie sind.

Verschwörungstheoretiker wittern auch Fälle von AIDS

Neben der alarmistischen Blase auf Twitter gibt es ebenfalls eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern, die einen Zusammenhang zwischen der Coronaimpfung und Aids erfinden. Allerdings mit einem kleinen Twist.

In einem Blogpost der Website „New England National Review“ wird behauptet, dass die Coronaimpfung dafür sorgen würde, dass man mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% im Laufe der Zeit eine Infektion mit Corona erleidet. Daraus wird also eine Immundefizienz gefolgert, die durch die Impfung ausgelöst wird. Quasi Impf-Aids. Hierbei begeht der Autor aber denselben banalen Fehler, den viele Impfgegner bei der Zulassung der Corona-Impfstoffe begangen haben. Die Wirksamkeit eines Impfstoffes lässt sich nur im Rahmen einer klinischen Studie prüfen, in der 2 homogene Gruppen aufgestellt werden. Eine Gruppe wird geimpft, die andere bekommt das Placebo. Nach einem festgelegten Zeitraum betrachtet man die Infektionszahlen und kann die Effektivität bestimmen. Eine solche Betrachtung kann auf Polpulationsbasis schon aufgrund der unterschiedlich großen Gruppen nicht funktionieren. Eine hohe Impfquote resultiert immer in höheren Infektionszahlen in dieser Gruppe. Bei einer Impfquote von 100% läge die Infektionsrate der Geimpften ebenfalls bei 100%. All das sind Infos, die im 3. Jahr einer Pandemie eigentlich niemanden überraschen sollten.

Aids oder doch lieber V-Aids?

Deshalb fährt die deutschsprachige Szene auch zweigleisig. Neben fehlerhaften statistischen Analysen gibt es hier noch das mangelnde immunologische Verständnis zu bewundern. Ein solcher Beitrag auf dem Blog „tkp“ beginnt allerdings bereits mit einem sehr leicht vermeidbaren Fehler.

In besagtem Beitrag liest man etwas von einem „naiven Immunsystem“ als Synonym für das angeborene Immunsystem. Ein naives Immunsystem ist ein Immunsystem, das noch keinen Kontakt mit einem Erreger hatte. Das angeborene Immunsystem wird als „natives Immunsystem“ bezeichnet.

Nun könnte man mir hier Korinthenkackerei vorwerfen, wenn ich auf einem einzigen Wort herumreite, wie ich es weiter oben bereits bei HIV und Aids tat. Worte besitzen allerdings nicht umsonst eine Bedeutung. Die korrekte Verwendung von Fachbegriffen ist ein erster Umstand, der uns zeigt, wie intensiv sich Menschen mit einem Thema auseinandergesetzt haben. Wenn ein KfZ-Mechaniker die Zündkerzen ständig als „Zündschnur“ bezeichnet, löst dies bei Ihnen vielleicht eine gehobene Augenbraue aus. Wenn er darüber hinaus erklärt, die Temperatur, mit der Benzin im Zylinder verbrennt und die dabei entstehenden Gase würden Sie töten, wenn Sie mit diesem Auto fahren, müssten Sie den Chef des Ladens fragen, wieso dieser einen Clown beschäftigt und wann endlich der richtige Mechaniker aufkreuzt. Dass Sie das aufgestellte Bedrohungsszenario nicht beunruhigt, liegt an Ihren Kenntnissen darüber, dass das Zünden des Benzins etwa einen halben Meter vor Ihnen im Motor passiert und die Abgase nicht in den Fahrerraum gelangen, sondern über den Auspuff entsorgt werden.

Erzählt Ihnen aber nun jemand, dass IL-10 das Immunsystem schädigt, indem es das naive Immunsystem bei Antigenkontakt herunterreguliert und damit eine naive Immunantwort unterdrückt, was gleichbedeutend mit einer Immunschwäche sei, die dieser Jemand als „Vaccine Acquired Immune Deficiency Syndrome“, kurz V-AIDS bezeichnet, wird eine adäquate Reaktion schon schwieriger. Und das, obwohl diese Aussage den gleichen Wahrheitsgehalt besitzt, wie die Zündschnur und die tödlichen Abgase.

Bekannt ist Interleukin-10 (IL-10) als Cytokin. Cytokine sind eine große Gruppe verschiedenster Proteine des Immunsystems, die dessen Komponenten aktivieren, inhibieren und steuern. IL-10 erfüllt eine wichtige Rolle als Entzündungsinhibitor. Insbesondere im Darm produzieren die dort ansässigen Immunzellen IL-10, um so eine gewisse Toleranz gegenüber den gewollten Darmbakterien aufzubauen. Und obwohl IL-10 diese Toleranz erzeugt, ist unser Immunsystem im Darm problemlos in der Lage, pathogene Erreger zu erkennen und zu beseitigen. Jeder der mal eine Salmonellen-Infektion durchgemacht hat, kann davon ein Lied singen.

Was macht IL-10 wirklich?

Die genaue Rolle von IL-10 bei einer Infektion ist kompliziert. Im Laufe einer Infektion erfolgt die Freisetzung von IL-10 und IL-6, um das adaptive Immunsystem zu aktivieren. IL-10 dient aber nicht nur zum Aufbau einer Immuntoleranz, sondern bringt gleichzeitig auch B-Zellen zur Reife und beschleunigt die Produktion von Antikörpern gegen die Krankheit.

Und genau dieser Umstand kommt bei der Impfung zum Tragen. All die Arbeiten, die in besagtem Blog zitiert werden, beschäftigen sich mit der Rolle von IL-10 bei der Coronainfektion. Nicht eine bespricht den Zusammenhang zwischen IL-10 und Impfungen.

Moment, sagte ich, nicht eine? Eine Studie findet sich dann doch. Und ich möchte einen Satz aus der Diskussion zitieren, der eine Begründung liefert, warum die IL-10 Konzentration dank der Präsenz des Spike-Proteins höher war, als bei Vorhandensein der anderen Corona-Proteine:

The fact that IL-10 release is much higher in the presence of S peptides than with NM [Pool der SARS-CoV-2 N und M Proteine] is probably related to a response from Treg [regulatorische T-Zellen] to the activation of S-specific T cells in vaccinated subjects […]

Die Zunahme von IL-10 wird also damit erklärt, dass T-Zellen, die auf das S-Protein spezialisiert sind, aktiviert werden. Leider wird dieses Zitat, das einen Großteil des Blogbeitrags widerlegt, im Blog nicht weiter erklärt, man geht zum nächsten Thema über.

Aber der Fairness halber sei gesagt, dass das auch nicht nötig ist. Wenn irgendeine der haltlosen Behauptungen über V-Aids oder IL-10 korrekt wäre, müssten die Geimpften sterben wie die Fliegen. Aber egal ob wir nach Deutschland, in die Schweiz oder den Rest der Welt schauen, die Geimpften fahren durchgehend besser.