Ist es anstrengend, ein Mensch zu sein?

Eben habe ich bei der Zeit einen netten kleinen Artikel gelesen, in dem Yuval Noah Harari erneut seine Sicht der Welt in den nächsten 200 Jahren darlegen kann. Also hab‘ ich beschlossen, diesen Text zu kommentieren:

Da schreibt Yuval Noah Harari ein paar Bücher über das Zusammenspiel von Mensch und Technologie, in welchen er auch mal einen Ausblick in die Zukunft wagt und das Thema „Transhumanismus“ anschneidet, und schon haben die Medien einen neuen Experten gefunden. Und ja, Harari ist vermutlich wirklich eine Autorität auf diesem Gebiet, aber der ganze Artikel ist mir zu halbgar.
 
Wenn davon die Rede ist, dass wir in einer zu stark beschleunigten Gesellschaft leben und den Kontakt zu unserem Körper und der Natur verloren hätten, dann ist das in meinen Augen einfach nur substanzloses rumgelaber.
Ja, die Welt wurde schneller, aber sie bietet uns auch genug Gelegenheiten zum abschalten und zum Kennenlernen unseres Körpers – es ist die eigene Bequemlichkeit, die das verhindert. Dafür kann keine Technik was.
 
Und dann lese ich sowas in dem Text:
Ich könnte jetzt was über Arbeitsbedingungen schreiben, aber das lasse ich, denn es wäre mir neu, dass der Chef 24 Stunden am Tag über den Angestellten bestimmt.
Außerdem wird hier von vorne bis hinten ausgeblendet, welche Errungenschaften die Moderne Technik für den Arbeitsplatz mitbringt. Von Sicherheitsrichtlinien über Gleitzeit, die Möglichkeit mit weniger Einsatz mehr Arbeit zu erledigen (man denke nur an Bauern auf’m Acker) und von den Errungenschaften in Bezug auf den Umweltschutz will ich dabei gar nicht erst anfangen.
 
Wunderbar ist auch dieser Abschnitt:
 
 
Nur weil heute nicht mehr jedes 3. Kind bei der Geburt stirbt, sollen wir die Ansprüche nicht noch höher schrauben und dafür sorgen, dass gar kein Kind mehr stirbt?
Und die Antwort von Harari, auf die Frage ob er verwundert, sei, worüber sich Menschen in Israel und Deutschland beklagen ist auch noch einen Kommentar wert:
 
 
Das heißt wir sollten einfach so weitermachen und erst dann einlenken, wenn die Kacke nicht nur dampft sondern uns bis zum Hals steht?
Mir wird aus diesem Interview irgendwie nicht ganz klar, was Harari eigentlich genau sagen will. Wir sind alle dämliche Techno-Junkies? Wir sind verwöhnte Trottel? Wir sind Sklaven unserer langsamen Evolution?
Ich meine, ich könnte auch ausführen, dass die Moderne Technologie den Menschen immer weiter in Richtung Natur treibt. Obwohl wir von Sicherheit umgeben sind, zieht es die Leute nach wie vor und vielleicht sogar verstärkt raus in die Natur, wo sie zwar behütet sind, aber trotzdem die Welt um sich herum kennen lernen. Auch hat das Verständnis unserer Rolle in der Welt erst durch die Technologie so richtig begonnen. Wer hatte denn vor 500 Jahren eine Ahnung davon, wie sich unser Klima wandelt? Wer wusste von empfindungsfähigen Wesen? Von der Kommunikation der Pflanzen? All diese Dinge zeigen uns, dass wir ein kleiner Teil der Welt um uns herum sind. 
 
Lediglich mit einer Aussage kann ich mich voll und ganz anfreunden:
 
 
Im weiten Verlauf des Artikels prophezeit Harari dann wieder die Evolution des Homo Sapiens, die Verschmelzung mit der Technik und es klingt, als sehe er darin die größten Sorgenherde der aktuellen Menschheitsgeschichte.
 
 
Wieder diese Relativierung…ich hasse es. Natürlich gibt es größere Probleme, aber daraus folgt nicht, dass man die kleineren nicht auch angehen sollte. Denn wer entscheidet, welche Probleme die größten sind?
 
Allerdings folgt auf diese Aussagen ein Absatz, dem ich zum Abschluss voll und ganz zustimmen kann und den ich mit diesem Satz zusammenfassen möchte:
 
 

Am schlimmsten sind allerdings die Kommentare auf der Webseite von ZEIT, die sich gleich mal darüber auslassen, dass es niemals eine künstliche Intelligenz geben kann, weil das menschliche Leben ja etwas „einzigartiges“ sei, etwas, „was Maschinen nie erreichen werden“…aber das auch noch zu behandeln, würde endgültig zu weit führen.

Nun möchte ich zum Abschluss nochmal damit beginnen, meine Gedanken zu dem Thema darzulegen. Ich will das ganz kurz machen, weil ich schon seit ungefähr einem Jahr jede Menge Material sammle, um – wenn ich irgendwann mal mit der Gentechnik fertig bin – einige Texte über den Transhumanismus und insbesondere die Ethik dahinter zu schreiben. Ich gehe mit Harari konform, dass eine Flächendeckende Debatte darüber schon längst überfällig ist. Genau so wichtig ist es, bereits in der Schule anzusetzen und die Kinder über Themen wie Algorithmen, Cybersecurity, Weltwirtschaft, Gen- und Biotechnologie sowie die wissenschaftliche Methode aufzuklären. Aber ich teile die Weltuntergangsstimmung des Artikels einfach nicht. Denn wenn wir uns den Fortschritt der letzten Jahrtausende ansehen, dann muss man einfach klar sagen: Bisher hatten wir unsere Technologien noch immer unter Kontrolle – auch wenn es teilweise schon 5 vor 12 war, als wir uns unserer Verantwortung bewusst wurden. Ja, die Technologie eilt dem Verständnis der Menschheit im Affenzahn voraus – das liegt aber in erster Linie daran, dass den Leuten die nötige Bildung fehlt und dieses Problem ist definitiv eines, das wir in den Griff kriegen können.

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