Gen-Algen retten den Regenwald

…naja, sie könnten vielleicht, wenn man sie denn ließe.

Heute möchte ich nochmal über ein Anwendungsgebiet der grünen Gentechnik schreiben, mit der man, ähnlich wie beim goldenen Reis, die Lebensqualität der Menschen und sogar die der Tiere, erheblich verbessern könnte. Für unseren heutigen Text begeben wir uns aber nicht in die Philippinen, sondern in die Regenwälder unserer schönen Erde.

By Paul White [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
By Paul White [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
Anlass dieses Ausflugs sind die Palmölplantagen, auf denen das meistverwendete Pflanzenöl der Welt angebaut wird. Es ist beinahe nicht möglich, einen Haushalt zu führen und keine Produkte zu besitzen, die Palmöl beinhalten. Ich hab‘ mal die Schränke hier im Haus geplündert und Palmöl in quasi jeder Schokolade gefunden, dazu noch in Tiefkühlpizzen, als Fett zum braten, backen und kochen, in Tütensuppe, in Fertigknödeln (warum haben wir hier sowas?), in quasi jeder Bouillon, sogar in Reinigungsmitteln und wenn ich weitergesucht hätte, wäre ich wohl bei noch mehr Produkten fündig geworden. Palmöl ist also ein häufig verwendetes Lebensmittel, man könnte schon fast sagen, es ist ein wichtiger Bestandteil unserer Ernährung. Dementsprechend hoch ist auch der Bedarf an Palmöl. Um diesen zu decken ist man in erster Linie auf Länder wie Indonesien und Malaysia angewiesen, die pro Jahr rund 40 Millionen Tonnen des Öls produzieren.

By FAOSTAT [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
By FAOSTAT [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons
Indonesien und Malaysia haben sich ihre Position als Marktführer blutig erkaufen müssen.
Obwohl Palmöl schon seit 1443 bekannt ist (erste Berichte stammen vom Seefahrer Gil Eanes), und erste Palmölprodukte schon 1844 in England auf den Markt kamen, brauchte es die Entwicklung der Margarine und die dafür benötigten Pflanzenöle, um den Markt für Palmöl anzukurbeln. Indonesien begann bereits 1911 damit, Ölpalmen in industriellem Maßstab herzustellen, in Malaysia dauerte es noch 8 weitere Jahre, bis ihnen dies ebenfalls gelang. Die darauffolgenden 50 Jahre waren im Geschäft mit dem Palmöl eher nicht der Rede wert. Interessant (und ökologisch katastrophal) wurde das Geschäft erst um das Jahr 1965 herum, als in Indonesien das Militär gegen die Regierung putschte und Haji Mohammed Suharto 1967 als Diktator die Herrschaft des Landes übernahm. Während seiner Machtergreifung von 1965-66 beging dieser Diktator einen Massenmord an Anhängern der Kommunistischen Partei Indonesiens, mit ungefähr 500.000 Opfern (Schätzungen liegen irgendwo zwischen 100.000 und einer Million, ich hab‘ mich mal für die Mitte entschieden). Außerdem wurde unter seiner Herrschaft das Volk der Papua aus Westneuguinea vertrieben. Unter seiner Herrschaft wurden die Muslime die führende Religion Indonesiens, es entstand eine zunehmende Unterdrückung religiöser Minderheiten und das Land wurde rohstofflich ausgebeutet. Das gelang ihm in erster Linie mithilfe westlicher Regierungen und Unternehmen, insbesondere zeichneten sich die Amerikaner und die Deutschen als hervorragende Handelspartner aus. Suharto verband bis zu seinem Tod 2008 noch eine tiefe Freundschaft mit unserem ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Auch in den deutschen Medien fand sich zu der Zeit eine äußert Wohlwollende Einstellung zu dem Indonesischen Diktator. Ebenfalls mit Suharto befreundet, war der indonesische Tycoon Eka Tjipta Widjaja, der die Sinar Mas Group gegründet hat. Dieses Unternehmen produziert Papier und Palmöl in rauen Mengen und steht bis heute in der Kritik, den Regenwald Indonesiens für diese Produkte großflächig zu zerstören. Unterstütz wurde dieses Unternehmen insbesondere durch unsere Regierung unter Helmut Kohl, welche der Sinar Mas Group einen Hermes-Kredit in Höhe von einer Milliarde DM bewilligt hat (Rot-Grün bewilligte später nochmal eine halbe Milliarde Mark als Exportbürgschaften für Maschinenankäufe). Erst als Greenpeace 2010 die großflächige Zerstörung des Regenwalds an die Handelspartner des Konzerns weiterleitete, kündigten diese die Zusammenarbeit mit dem Unternehmen. Das Unternehmen versprach daraufhin die Rodung des Regenwalds zu beenden. Die Anbauflächen, die das Unternehmen gekauft hatte und damit erst legal (brand)roden konnte, wurden unter Diktator Suharto vergeben, der während seiner Amtszeit Unmengen solcher Konzessionen verkauft hat. Allein zwischen 1990 und 2005 wurden in Indonesien über 3 Millionen Hektar Anbaufläche durch Brandrodung geschaffen, zwischen 2000 und 2015 stieg die Fläche schon auf über 15 Millionen Hektar an. Diese großflächige Zerstörung des Regenwald bietet natürlich unzählige Gründe zur Kritik, ich schätze, ich muss nicht nochmal gesondert darauf eingehen, dass man damit den Lebensraum von Orang-Utans, Tigern und Menschen zerstört, sondern auch unser Klima schädigt? Gut. Denn eine Sache ist noch ganz erwähnenswert: E10. Der Biodiesel Kraftstoff, den uns die Regierung aufschwatzen wollte, besteht zu 10% aus Palmöl. Nur ein weiterer Kritikpunkt an diesem Sprit.

So sieht eine Palmölplantage aus
Gemeinfrei
So sieht eine Palmölplantage aus

Inzwischen haben diverse große Unternehmen, insbesondere solche, die sich mit der Herstellung von Lebensmitteln beschäftigen, damit begonnen, die Herkunft ihres Palmöls genau zu prüfen. So kauft z.B. Ferrero für sein Produkt Nutella ausschließlich Palmöl von Plantagen, für die keine Wälder gerodet wurden. Es macht seine Produktions- und Lieferkette transparent und bindet vermehrt Kleinbauern in den Anbau des Palmöls ein.
Zudem zählt Ferrero zu den Unternehmen, die am Roundtable on Sustainable Palm Oil (kurz: ROSP) beteiligt sind. Diese Organisation soll den nachhaltigen Anbau von Palmöl fördern. Viele Kritiker bezeichnen dieses Vorhaben allerdings als Greenwashing, da die vorgelegten Standards zu lasch und die vorgesehen Sanktionen für Nichtbeachtung quasi nicht existent seien.  Seit 2011 kann man von der ROSP-Organisation ein Siegel erwerben, das Produkte kennzeichnen soll, die mit nachhaltigem Palmöl produziert worden sein sollen. Hauptkritikpunkt an diesem Siegel ist die Tatsache, dass die Rodung des Regenwalds bei der Produktion des ausgezeichneten Palmöls dennoch nicht ausgeschlossen wird und dass die Bemühungen um den Klimaschutz kein Vergabekriterium der Organisation darstellt.

Neben den bisherigen Kritikpunkten im Bezug auf die Herstellung von Palmöl gibt es noch drei weitere, auf die wir eingehen müssen:

Zum einen werden immer wieder Vorwürfe laut, dass auf diesen Plantagen zum Großteil Zwangs- und Kinderarbeit vorherrscht. Außerdem wird das Pflanzenschutzmittel Paraquat (hergestellt von Syngenta) verwendet, das in der EU und der Schweiz nicht zugelassen ist.  Im Zusammenhang mit Paraquat wird angeprangert, dass Syngenta Menschenrechte missachtet, da den Anwendern des Pflanzenschutzmittels adäquate Schutzausrüstung fehlt.
Der dritte Punkt handelt von der Umweltschädlichkeit der Palmölproduktion im Hinblick auf die direkte Freisetzung von klimaschädlichen Gasen, insbesondere Methan. Hierfür will ich aber auf den Artikel bei Spektrum verweisen.

Einen interessanten Bericht über die Regenwaldrodungen und die damit verbundenen Gefahren könnt ihr auch hier lesen

Um dieses Öl geht es
Um dieses Öl geht es
By oneVillage Initiative (Jukwa Village Palm Oil Production, Ghana) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
Wir wissen also, Palmöl ist wichtig, die Produktion ist schwierig und den Bedarf zu reduzieren quasi unmöglich.

Das belgische Unternehmen Ecover hat diesen Schritt trotzdem gewagt und plant, das Palmöl in ihren Reinigungsmitteln durch Algenöl zu ersetzen. Hergestellt wird dieses Öl vom US-Biotech-Unternehmen Solazyme, das dazu genetisch veränderte Algen in großen, dunklen, von der Umwelt abgeschotteten Tanks züchtet, wo die Algen mittels Zuckerrohr Algenöl herstellen, das am Ende aus den Algen gepresst wird. Hergestellt wurden die Algen ausnahmsweise nicht mit Methoden der Gentechnik im eigentlichen Sinne, vielmehr sind die Algen die Ergebnisse der synthetischen Biologie. Während Gentechnik gezielt bestimmte Gene in Organismen einbaut, ist die synthetische Biologie eine eher umfassendere Methode, bei der komplexere biologische Vorgänge modelliert werden sollen, die dann in einen einfachen Organismus (zum Beispiel in Algen) eingebaut werden.
Obwohl die Algen keinen Kontakt mit der Umwelt haben und das fertige Öl natürlich kein genetisch verändertes Produkt ist UND das Öl erstmal in Waschmitteln verwendet werden soll, so regten sich doch großflächige Proteste gegen Ecover, die zum Ziel hatten, die Verwendung des Öls zu stoppen. Diverse Umweltorganisationen bringen die üblichen Argumente und Bedenken an. Gefahren bezüglich der Verbreitung von genetisch veränderten Organismen, eventuellen Allergien, die Produkte seien vielleicht nicht mehr ökologisch, oder grün (zwei Punkte, für die die Produkte von Ecover bekannt sind), usw. Ecover fühlte sich natürlich dazu veranlasst, bezüglich der Vorwürfe gegen das Unternehmen Stellung zu beziehen. Was mich aber an der Kritik leicht irritiert ist die Tatsache, dass man ausgerechnet auf Algen in diesem Waschmittel herumreitet, wo doch Gentechnik bei Reinigungsmitteln für gewöhnlich schon großflächig akzeptiert wird. Ich sehe in so einer Kampagne (die inzwischen schon 2 Jahre alt ist) zum Großteil die übliche Panikmache und Hetze gegen Gentechnik. Ich habe allerdings einen durchaus berechtigten Kritikpunkt entdeckt:

Solazyme ist ein Unternehmen, das aus Algen diverse Dinge herstellt. Von Kraftstoffen über Cremes, bis hin zu den Tensiden für Waschmittel und Öle für Lebensmittel. Natürlich müssen alle Produkte entsprechend getestet werden, aber die wichtigste Frage ist die, nach der tatsächlichen Nachhaltigkeit. Kann man die Produkte aus Algen wirklich umweltfreundlicher anbauen, als es z.B. beim Palmöl der Fall wäre? Wenn das nämlich nicht zutrifft, würden wir auf lange Sicht lediglich die Plantagen für Ölpalmen gegen solche für Zuckerrohr tauschen und niemandem wäre damit geholfen. Wäre die Nachhaltigkeit gegeben, könnte man die Tanks, in denen die Algen entwickelt werden, aus den bisherigen Labors in Brasilien entfernen, über die ganze Welt verteilen, und vielleicht irgendwann auch andere Pflanzen zusetzen, aus denen die Algen entsprechende Öle machen. Aber selbst wenn sich Palmöl und Algenöl in der Nachhaltigkeit kaum unterscheiden, so könnte man die Anbaugebiete für Algenöl trotzdem dezentralisieren und zumindest versuchen, die Regenwälder zu schonen, da Zuckerrohr zum Glück nicht auf unmittelbare Äquatornähe angewiesen ist, um ausreichende Erträge zu liefern.

Hier ist übrigens noch ein Bericht aus der Zeit, zum Thema Ecover und Waschmittel
Außerdem dreht sich dieser Beitrag von „Gute Gene, schlechte Gene“ auch um dieses Thema.

Beide sind ausgesprochen lesenswert.

Und zum Abschluss will ich – zumindest in Gedanken – noch einen Schritt weiter gehen und die Algen direkt anwenden:
Stellen wir uns mal vor, dieses Algenöl fände Verwendung in Lebensmitteln, so wie es im Moment beim Palmöl der Fall ist. Ich lehne mich wahrscheinlich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich Ferrero als einen Marktführer im Bereich der Süßwaren bezeichne. Ich schätze mal, jeder von uns hat schon eines der Produkte von Ferrero gekauft und gegessen (die stellen sogar Tic Tacs her…allerdings ist da kein Palmöl drin). Ich schätze ebenfalls, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich behaupte, dass Ferrero innerhalb weniger Monate quasi pleite wäre, wenn sie denn solche Palmöl-Algen verwenden würden. Leider ist auch hier die Panikmache und Angst bezüglich Gentechnik größer, als die Sicht auf die diversen Möglichkeiten, die sich aus ihr ergeben.

4 Kommentare zu “Gen-Algen retten den Regenwald

  1. Wieder einmal ein sehr schöner Übersichtsartikel, der auf viele Aspekte eingeht.
    Eine kleine Ungenauigkeit ist dir aber unterlaufen und da ich die letzten 6 Monate einen Prozess für einen neuen Biotreibstoff entwickelt habe muss ich da natürlich jetzt mit dem Finger drauf zeigen 😛
    E10 ist Otto-Kraftstoff und kein Diesel. Biodiesel ist auch etwas ganz anderes als E10. Ändert leider am Ende nichts daran, dass in beiden Treibstoffen Palmöl verwendet wird…
    Gut, dass du den Artikel jetzt veröffentlicht hast, bekommst jetzt in meinem fertig vorbereiteten Artikel noch einen Backlink und eine Erwähnung 😉

    1. Keine Sorge, wenn mich ein Profi verbessert, bin ich ausgesprochen dankbar. Es ist auch schon korrigiert. Ich hab‘ mich mal (ganz diplomatisch) für die Bezeichnung „Kraftstoff“ entschieden
      Du hast auch was zu dem Thema vorbereitet? Das wird sicherlich interessant 😀

  2. Ich werde auch nachhaltige Alternativen vorstellen. Es geht bei mir aber nicht um Palmöl, sondern um etwas anderes was viele Menschen in Deutschland täglich nutzen und für selbstverständlich halten…

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