Was ist eigentlich Genmais?

Es gibt ja da draußen viele Menschen mit Träumen. Einige Menschen träumen zum Beispiel von einer friedlichen, harmonischen Natur, die kein blanker Kampf ums Überleben ist, in der Löwe und Giraffe die besten Freunde sind, quasi der König der Löwen, gänzlich ohne Chemie.

Ich habe auch Träume.
Ich hatte ja mal einen Traum, in dem ich fliegen konnte, wenn ich aus dem Stand hochsprang und mich horizontal in die Luft streckte. Zum Fortbewegen hab‘ ich dann Schwimmbewegungen gemacht.
In der Realität hätte mein Flugversuch vielleicht eher so ausgesehen:

(An dieser Stelle möchte ich eine Frage bezüglich dieses Videos stellen: Wieso?)

Das Video hat überraschend viel mit moderner Landwirtschaft zu tun, zumindest wenn man das Prinzip der Metapher soweit ausreizt, dass sich jeder halbwegs anspruchsvolle Lyriker am liebsten mit der eigenen Zunge an einem Dachbalken erhängen möchte.
Der Käse ist hierbei die konventionelle Landwirtschaft, die ….Briten…die ihm hinterherjagen, sind die Weltbevölkerung, die stetig wächst und versucht, sich mit dem Käse zu ernähren. Am Ende bekommt allerdings nur einer den Käse, der Rest geht weitestgehend leer aus.
Um das Problem zu lösen, könnte man auch einfach mehr Käse auswerfen. Allerdings steigt dabei die Gefahr, dass sich die schnellsten einfach so viel Käse angeln, wie sie nur können – diese Distribution herrscht ja heute schon vor. Eine Änderung an diesem System ist auch in weiter Ferne.

Und wie schlägt man jetzt den Bogen zur Gentechnik? Na mit meinem Standardspruch: Gentechnik löst nicht all unsere Probleme, aber auf jeden Fall die Dringendsten. Nachdem wir im vergangenen Text über Monsanto und Glyphosat gesprochen haben, geht es heute mal ein wenig um den Kampfbegriff „Genmais“. Und bevor wir loslegen, möchte ich nur folgendes sagen: Genmais? Dafuq? Wirklich? GENmais? Gibt es irgendwo Mais, der keine Gene enthält? Mais ohne Gene wäre im Prinzip Asche, aufgelöst in Wasser. Gut, wem’s schmeckt…
Genmais ist quasi das Monster unter dem Bett, vor dem uns die Politik unbedingt schützen will. Und was wissen wir von diesem Monster? Es existiert nur in unserer Phantasie.

Die korrekte Bezeichnung für den Genmais ist übrigens BT-Mais. BT steht hierbei für „Bacillus thuringiensis“. Das Bakterium findet man häufig in der Nähe der Wurzeln diverser Pflanzen, weshalb man davon ausgeht, dass das Bakterium die Wurzeln vor Schädlingen schützen soll. Dementsprechend findet man das Bakterium auch sehr gerne in Kadavern diverser Insekten.

Das Bakterium „schützt“ die Pflanze, indem es kleine Proteine produziert, die in ihrer Struktur beinahe schon kristallen ähneln. Diese Proteine sind erst mal vollkommen ungiftig. Erst im Darm der Insekten entfaltet das Protein durch Reaktion mit bestimmten Enzymen seine Giftigkeit. Ähnlich wie bei diesen Wärmekissen, die erst dann warm werden, wenn man das Plättchen zerbricht und die Reaktion in Gang setzt. Und jetzt komm das Highlight: Ratet mal, welche Sorte Lebewesen KEINE Enzyme besitzt, mit denen dieses Protein „aktiviert“ werden kann? Richtig. Alles was kein Insekt ist. Sowas kleines wie Hunde, Kühe, Menschen, Haselnüsse.

So sehen diese Proteine übrigens aus:

„We’re like diamonds in the Petrischale“. - Gemeinfrei
„We’re like diamonds in the Petrischale“. – Gemeinfrei

Hier sehen wir nebenbei auch gelebte Evolution. Dieses Bakterium hat sich sein Überleben gesichert, indem es sich quasi als Bodyguard der Pflanzen aufspielt. Deshalb wirkt das Protein auch nur spezifisch gegen Insekten, da diese quasi ausschließlich die natürlichen Feinde der Pflanzen darstellen.
Jetzt muss ich zugeben, dass „das Protein“ eine nicht ganz korrekte Bezeichnung ist. Es gibt jede Menge dieser Proteine, die sich grob in 3 Gruppen einteilen lassen. Cry-Toxine, Cys-Toxine und VIP-Toxine. Es sind alles nur Proteine, aber sie unterscheiden sich ein wenig in ihrer Wirkung. Wichtig sind für uns die Cry- und Cys-Toxine. Diese werden im Darm des Insekts aktiviert, heften sich dort an die Darmwand und zerstören diese. Dabei wirken unterschiedliche Proteine unterschiedlich gut gegen unterschiedliche Insekten. Unterschiedlich.
Die Gemeinsamkeit bleibt aber: Sie wirken ausschließlich gegen Insekten. Da quasi jedes Insekt gegen sein eigenes Protein anfällig ist, kann extrem gut kontrolliert werden, welche Schädlinge eigentlich bekämpft werden sollen.
Mehr über das Wirkungsspektrum gibt es in diesem Text, ab Seite 12.

Diese Proteine sind übrigens seit 77 Jahren als Insektizide im Einsatz. Dieses Insektizid hat auch das Bio-Siegel, da das Bakterium in rauen Mengen in der Natur vorzufinden ist. Die erste BT-Maissorte kam 1997 auf den Markt. Denn zu dieser Zeit kam man auf die Idee, dass ja auch Pflanzen Proteine herstellen können. Also hat man den Bauplan zur Herstellung dieser Proteine aus dem Bakterium entnommen und in den Mais eingefügt, sodass dort ebenfalls ein ähnliches Protein hergestellt werden kann. Das fertige Produkt bekommt dann den Namen BT-Mais.

By by Anthony Appleyard [<a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0">CC BY-SA 3.0</a>], via Wikimedia Commons
By by Anthony Appleyard [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
Das hier ist BT-Mais. Oder auch nicht. Es könnte auch ganz normaler Mais sein. Es ist normaler Mais. Aber das ist egal, denn entgegen einer landläufigen Meinung kann man genetisch veränderte Pflanzen nicht schon durch bloßes draufschauen erkennen (es sei denn, man macht es wie bei Kaninchen und bringt sie zum Leuchten – aber Kaninchen sind ja zum Glück kein Gemüse. Stellt euch mal vor, wie schwierig es wäre, Kaninchen anzupflanzen, wenn sie die ganze Zeit wie Wild durch die Gegend springen).

Aber gegen welche Schädlinge wird der Mais eigentlich eingesetzt?
Beschränken wir uns mal nur auf Europa. Hier ist exakt eine solche BT-Maissorte zum Anbau zugelassen. Der Mais trägt den schmissigen Titel „MON810“ und das Protein, dass dieser Mais herstellt, heißt Cry1Ab. Dieses Protein wirkt spezifisch gegen genau einen Schädling, der jedes Jahr in Deutschland einen Schaden von rund 11 Millionen Euro anrichtet und weltweit rund 4% der Maisernte vernichtet.

Das hier ist der Maiszünsler, der kleine Penner

Attribution: ©entomart https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ostrinia_nubilalis01.jpg
Attribution: ©entomart https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ostrinia_nubilalis01.jpg

Jetzt ist das ja eigentlich großartig, oder? Wir verwenden einen präzisen Schutzmechanismus eines Bakteriums, das darauf spezialisiert ist, Pflanzen vor Insekten zu schützen, das dem Menschen nicht schadet und dabei hilft, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren.
Was hindert uns also an dem Einsatz dieses Mittels?
Tja….Politik. Und drei Studien, die zu einem sehr zweifelhaften Ergebnis gekommen sind.

Im Laufe der letzten Jahre hat Gilles-Eric Séralini diverse Studien veröffentlicht, die diversen Maissorten die Unbedenklichkeit absprechen sollen. Darunter ist auch unser BT-Mais. Die erste, dieser Studien hat eine kleine Kontroverse provoziert, unter anderem, weil Greenpeace diese Studie mitfinanziert hat. Das führte soweit, dass Marc Fellous (Präsident des Association Française des Biotechnologies Végétales) behauptete, dass Séralinis Neutralität in Zusammenhang mit der Studie nicht gewährleistet sei. Dieser Streit fand vor einem Gericht sein Ende, wo Séralini das Verfahren wegen Übler Nachrede gewann. Das änderte aber nichts daran, dass die Studie, die er und sein Team durchgeführt hatten, von Kritikern mehr oder weniger zerrissen wurde.
Gehen wir hier mal exemplarisch ein wenig ins Detail:

Der Zulassungsantrag für den Mais MON863, der später auch in der Studie betrachtet wurde, ging 2002 von Monsanto beim RKI ein. 90 Tage lang wurde auf über tausend Seiten eine Fütterungsstudie dokumentiert, die keine schädlichen Effekte an den gefütterten Mäusen feststellen konnte. 2004 wurde der Mais auf Grundlage dieser Studie als unbedenklich für Mensch und Tier eingestuft.
Nun gab es aber bei einigen Mäusen statistisch signifikante Abweichungen bei diversen „biologischen Parametern“, was die Frage aufkommen ließ, ob diese Abweichungen einfach Zufall sind, oder ob der Mais etwas damit zu tun hatte. Obwohl diverse Wissenschaftler und Organisationen bekräftigten, dass es keine Anzeichen für die Gefährlichkeit des Mais gäbe, wurde die Studie wiederholt (was natürlich vollkommen korrekt ist, ich weise nur darauf hin, um zu zeigen, dass man eben nicht sofort alles glaubt, was Wissenschaftler so erzählen).
Séralini hat nun die Studie wiederholt und kam zum Ergebnis, dass die Auswirkung des Mais als Leber- und Nierentoxisch gewertet werden kann.
Im Anschluss an die Studie hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (die EFSA) eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die Séralinis Studie neu ausgewertet hat. Diese Aufgabe übernahm ebenfalls ein französisches Institut, das von der EFSA beauftragt wurde. Beide Institute kamen zu dem Ergebnis, dass der BT-Mais von Monsanto kein erhöhtes Gefährdungspotenzial besitzt.
Ein Expertengremium, das finanziell von Monsanto unterstützt wird und aus 6 Wissenschaftlern aus diversen Nationen besteht, kam ebenfalls zu dem Schluss, dass Séralinis Studie keine relevanten Zusammenhänge aufzeigen konnte.
Ich könnte so weitermachen, denn die Studie wurde von diversen Institutionen zerrissen. Aber wir überspringen mal ein paar Jahre und kommen zum Jahr 2012. Denn vor 3 Jahren hat Séralini mit seinem Team eine weitere Studie veröffentlicht, in der 200 Ratten über 2 Jahre mit dem Genmais gefüttert wurden. In dieser Studie starben die Ratten wie die Fliegen, wurden schwer krank und die Bilder von Ratten mit gigantischen Tumoren am ganzen Körper gingen durch die Medien wie ein heißes Messer durch Butter.
Schade, dass ich eben schon meinte, Séralinis erste Studie sei zerrissen worden. Denn dann ist das, was mit dieser Studie passiert ist, vergleichbar mit unserem WM-Spiel gegen Brasilien. Ich will hier gar nicht weiter auf die Studie eingehen, da wirklich von allen nur denkbaren Seiten ein wissenschaftliches Äquivalent zu einem Shitstorm auf Séralini und die Studie niedergeprasselt sind. Wikipedia dröselt das wunderbar auf und lässt einige der Stimmen zu Wort kommen.

Aber gut, gehen wir mal weg von Séralini und schauen uns (nur ganz kurz) noch eine weitere Veröffentlichung zu diesem Thema an:
In einem Review (veröffentlicht von Dona und Arvanitoyannis in Critical Reviews in Food Science and Nutrition) von 2009, gehen die Autoren davon aus, dass die Studienlage zur Sicherheit von GMOs nicht ausreichend sei, aber diverse, gesundheitsschädliche Anzeichen zeige. Dieses Review wurde ebenfalls von Kritikern auseinandergenommen, da es viele unbelegte Behauptungen enthalte und die Autoren der Studie nicht über das nötige Grundwissen zur Sicherheitsbewertung transgener Pflanzen verfügen. Zudem seien viele der Behauptungen der Studie bereits seit langem widerlegt worden.

Jetzt gibt es gefühlt tausend Studien und Stellungnahmen, die die Behauptungen von Séralini und anderen nicht nur entkräften, sondern widerlegen, zunichtemachen, ausmerzen. Und, was bleibt? Dieses kleine Gefühl der Unsicherheit, dieses kleine „Ja, aber vielleicht könnte…“. Diese Ungewissheit, wenn man im Stau steht und der Tank fast leer ist („reicht es noch?“). Diese Angst vor dem nächsten Husten, wenn man nach einer Erkältung mal Google bemüht („hörst du das?“).
4 kleine Worte: Better safe than sorry.
Dieser kleine Halbsatz „ja, aber vielleicht…“, der vorgeschoben wird, wenn man keine Argumente, aber dieses unbestimmte Gefühl hat. Was bleibt, ist die Politik, die schon längst nicht mehr nach Fakten geht, sondern sich auf dieses „Gefühl“ verlässt. Was früher noch dazu führte, dass unsere Vorfahren länger lebten, ist mittlerweile quasi ein Abfallprodukt der Evolution geworden, das als pervertierte Angst jedem noch so unsinnigen Verbot in die Karten spielt.

Und wie arbeitet man gegen diese Angst? Naja, Aufklärung ist ein guter Anfang. Aber auf lange Sicht muss man einfach dafür sorgen, dass die Bevölkerung ein breites, grundlegendes Wissen im Bereich der Naturwissenschaft entwickelt, um solche „kontroversen“ Studien, wenigstens einordnen zu können.
Und bis es soweit ist, würde ich mich auch gerne freiwillig bereit erklären, jedem Journalisten persönlich in den Arsch zu treten, wenn er mal wieder ungeprüfte Behauptungen in die Welt scheißt, nur um möglichst viel Aufsehen zu erregen.

2 Kommentare zu “Was ist eigentlich Genmais?

  1. Interessanter Artikel. Beim Lesen ist mir aber eine Frage aufgekommen. Gibt es Untersuchungen, ob es gefährlich ist, Insekten, die diese Proteine aufgenommen haben, zu essen? Ist das Toxin ebenfalls unbedenklich für den Menschen bzw. Tiere oder verliert es seine Wirksamkeit? Das ist für den europäischen und nordamerkanischen Raum sicherlich weniger bedeutend, aber in anderen Gebieten, wie Asien oder Afrika, wo doch vermehrt Insekten verzehrt werden, eine relevante Frage.

    1. Eine durchaus berechtigte Frage. Es gibt im wesentlichen zwei Punkte, auf die man da eingehen muss.

      Es werden natürlich in erster Linie Schädlinge mit dem BT-Toxin bekämpft. Das dürfte dann (wie im Beispiel des Maiszünstlers) erstmal keine Insekten betreffen, die häufig gegessen werden, da das Toxin durch deren Verdauungsapparat einfach hindurchgeht.

      Sollte es jetzt doch mal dazu kommen, dass größere Mengen von essbaren Insekten bekämpft werden und die am Ende auf dem Teller landen, geht trotzdem erstmal keine Gefahr von den Insekten aus.
      Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hat da eine ziemlich umfangreiche Stellungnahme zu dem Thema veröffentlicht, die wiederum auch mit diversen Studien aufwarten kann: http://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/06_Gentechnik/ZKBS/01_Allgemeine_Stellungnahmen_deutsch/01_allgemeine_Themen/Wirkung_Bt-Toxin.pdf?__blob=publicationFile&v=2

      Der Grund liegt im unterschiedlichen Aufbau des Verdauungstraktes. Unsere Magensäure zersetzt das Toxin, und macht es so für uns ungefährlich. Selbst wenn dieser Schutz mal versagen sollte, kommt das Toxin nicht mal durch unsere Schleimhäute und kann so auch keine toxische Wirkung entfalten.
      Dazu kämen dann noch so kleinigkeiten, wie die natürliche Geschwindigkeit, mit der sich das Protein im Körper der Insekten zersetzt, die Wahrscheinlichkeit, dass es beim Zubereiten der Insekten (z.B. beim Kochen) durch die Temperatur zerstört wird usw.

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